Teil 3: erste Finnlandreise

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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3. Dekade, Finnlandurlaub `89

Am See

Foto: Peter

Am Montagmorgen, gegen 9.00 Uhr verabschiedet sich mein Mann und unsere Gruppe von mir. Ich soll gut auf mich aufpassen, was ich gern verspreche. - Kein Mensch weiß, wohin ich fahre, selbst ich weiß nicht recht, wohin mich mein Weg heute führen wird.......... 

Das Wetter meint es sehr gut mit mir und ich spaziere zur nahen Sprungschanze. Hier trainieren im Winter die Ski-Springer ihr Talent und landen auf dem zugefrorenen See. Ich klettere die Treppen hinauf und setze mich oben auf die Plattform. Ein wunderbarer Platz und ich genieße die morgendliche Sonne und Stille. Mein Zeichenstift wird ausgepackt und ich versuche meine Aussicht zu skizzieren. Gegen 11.00 Uhr schlendere ich langsam in Richtung Stadt, zum Treffpunkt: Kirche(Lappeen kirkko), eine Kirche aus Holz, die 1794 erbaut wurde.

Die Finnin wartet schon mit ihrer Tochter vor der Kirche. Wir begrüßen uns herzlich und ich habe das Gefühl, dass wir uns vom ersten Augenblick gleich sympathisch sind. Es dauert gar nicht lang und das steife „Sie“ ist aus unserem Sprachgebrauch verschwunden. Eeva spricht sehr gut Deutsch und ihre 17-jährige Tochter Marita, Englisch.

Schnell haben wir Gemeinsamkeiten festgestellt: Wir üben den gleichen Beruf aus und kennen uns auch in der Landwirtschaft aus. Bevor die Heimfahrt beginnt, wird erst noch mal die Post angesteuert und wir fahren dann zu einem Supermarkt, am Rande der Stadt gelegen. Ich habe solch großen noch nie gesehen......und die Beiden kaufen noch schnell ein. Im Moment habe ich keinerlei Orientierung, in welche Richtung wir fahren, ich stelle nur fest, es ist eine breite Straße, die uns aus der Stadt führt. Ab und zu kommt uns ein Auto entgegen oder ein Auto überholt uns. Vorbei an Wiesen und Getreidefelder, die wiederum zum Teil von Wald umgeben sind. Es geht immer geradeaus, ab und zu fahren wir an landwirtschaftlichen Höfen vorüber oder allein stehenden Häusern vorbei. Nach ein paar Kilometern biegt Eeva rechts in den Wald ein. Nun verlassen wir die Asphaltstrasse und fahren auf Schotter durch einen Birkenwald, die Gegend ist recht hügelig und es geht bergauf und bergab, an einem Gehöft vorbei, welches unterhalb des Weges an einem See liegt.

Ja, ich glaubs ja nicht, wo werde ich denn heute noch landen??....

Eeva sagt: „Wir sind gleich da!“. Der Wald tut sich auf und ich sehe einen Hügel, auf dem ein Haus steht, umgeben von Sträuchern. Wir fahren an einem kleinen schiefen Häuschen oder auch Hütte vorbei (ehemalige Sauna des Hofes) und biegen rechts auf den Hof ein, wo an der Giebelseite eine „Hollywoodschaukel“ steht und worauf eine ältere Frau sitzt und häkelt, sie hat schon auf uns gewartet! Es ist die Schwiegermutter von Eeva. Ich werde herzlich willkommen geheißen „Terve“. Wenig später wird mir die Hofanlage gezeigt. Es ist Heuernte und der Bauer ist gerade damit beschäftigt, das Heu in das Gebläse zu gabeln.

Der kleine Bruder von Marita zeigt mir seine Kaninchen im kleinen Freigehege. Der Hof liegt auf einem Felshügel und besteht schon seit 1781. Auf dem Dach des Wohnhauses dreht sich eine Wetterfahne, die eine Jahreszahl zeigt, die man kaum glauben kann ..1781..., Vor dem ältesten Gebäude, die Mauern aus großen Findlingen zusammengesetzt, befindet sich eine große Rabatte mit Phlox in allen Farben, einfach wunderschön.... Ich werde ins Haus eingeladen und ziehe im Flur meine Schuhe aus, habe davon gelesen, dass es bei den Finnen so Sitte ist........ eine gute Einrichtung..... Vom Flur geht eine Tür in den Bereich der Schwiegereltern, die eine eigene Wohnküche mit anschließendem Schlafzimmer bewohnen. Geradeaus befindet sich der Wohnbereich meiner Gastgeberin, ein großes Wohnzimmer, gemütlich mit einem großen Herd und Heizung mit übergehenden Küchenraum und Schlafräumen. Eine praktische Wohnung mit kurzen Wegen. Auch die berühmte Sauna befindet sich auf dieser Etage. –  Wir trinken gemütlich Kaffee und ich denke mein Besuch ist damit beendet.....

Ich bemerke, dass Eeva einen Korb mit allerlei Essen packt und frage sie, was sie jetzt vorhabe. „Ja, wir fahren jetzt zum Sommerhaus am See, nicht weit vom Hof entfernt und dort können wir auch in die Sauna gehen“.

Ich kann es nicht glauben, denn es ist doch hier wunderbar und wir könnten doch auch hier bleiben... Nun, ich lass mich überraschen..... Wir fahren auf einer Schotterstraße bergab und ein wenig bergauf, an einem See vorüber, an einem Gehöft vorbei und biegen dann links in einen schmalen Waldweg ein. Die Birken und Tannen reichen bis an den Weg, ab und zu sehe ich riesige Steinquader im Wald und am Wegesrand liegen. Dann fährt Eeva von diesem Weg links ab. Ziemlich steil geht es hier hinab, durch einen dichten Tannenwald und schon sehe ich durch die Bäume den See. Ich glaube ich träume ...... Ja, so habe ich mir Finnland vorgestellt: ein See, ein Ferienhaus mit Anlegestelle, Boot etc.....Sauna.....Der See: Pieni Pynäkala bedeutet „der kleine heilige Fisch“

Ich war von dem Anblick so faszeniert und bin sogleich hinunter zum See gegangen, habe mich auf den Steg gesetzt, meine Schuhe ausgezogen und die Füße ins Wasser baumeln lassen. Sofort habe ich einen Schwarm kleiner Fische gesehen und Marita erkannte meine Freude. Sie holte einige Weißbrotschnitten und ich fütterte die Fische, es kamen unzählige.

Ein Traum....

Inzwischen hatte Eeva das Feuer im Saunaofen angezündet und aus dem Schornstein zog eine Rauchfahne...

Wenig später zog sie das Boot vom Ufer und sie paddelte mit mir und Marita über den See, schaute an ausgelegten Reusen nach, die Reusen waren aber noch leer....Dann zeigte sie uns einen Biberbau, ganz in der Nähe des Ufers, der sich an einem ruhigen und nicht einsehbaren Flecken befand. Nach etwa einer Viertelstunde lenkte sie das Boot wieder an den Steg und erklärte mir, dass wir jetzt in die Sauna gehen könnten, ob ich Lust habe?

Ich überlegte nicht lang und sagte zu, obwohl ich bis dato noch nie in einer Sauna war; ich war neugierig und mutig auch Unbekanntes kennen zu lernen.

Die Sauna hatte einen Vorraum für Holz, Badesachen und Tücher und einen Wasserhahn mit Schlauch und Pumpe. Vielleicht habe ich auch schon Kleinigkeiten vergessen......

Jedenfalls war es ein Erlebnis, nach der ersten Sitzung liefen wir zum See, Eeva und ihre Tochter schwammen hinaus, nur ich hielt mich im Wasser auf, wo ich noch stehen konnte....ich habe eine große Angst vor „Tiefe“ obwohl ich im Schwimmbad, wenn mich jemand begleitet einmal durchs Becken schwimmen kann (sicher ein Relikt aus meiner Kindheit). Während unseres Saunagangs prutzelte auf einer eisernen Platte, die über dem Ofen hing, eine „Saunawurst“, wir würden „Fleischwurst“ dafür sagen. Es ist Tradition, nach dem Saunieren gemütlich zu essen und Kaffee zu trinken!!!!

Dieses Prozedere hat sich noch einmal wiederholt und wir hatten riesigen Spaß. Danach hat Eeva den Tisch gedeckt, wir haben uns frisch und gut gelaunt gefühlt. Inzwischen waren auch die Männer des Hauses eingetroffen, Eevas Mann, Sohn und Vater. - In Finnland gehen „Männlein „ und „Weiblein“ getrennt in die Sauna, wenn man Besuch hat.

Es dauerte nicht lang und wir waren eine große Runde um den Tisch. Natürlich waren meine Gastgeber auch interessiert von meiner Heimat zu hören. Eeva wurde ganz schön strapaziert, denn sie musste ständig dolmetschen, nur mit Marita konnte ich mein „Schulenglisch“ anwenden, was auch gut funktioniert hat. –

Mittlerweile war der Spätnachmittag schon vorüber und ich dachte an meine Heimkehrer aus Lahti. Heutzutage wäre das kein Problem, ich rufe per Handy meinen Mann an und frage und verabrede........

Damals, vor 23 Jahren , war die Situation noch etwas anders. Die Reisegruppe kam gegen 19.00 von Lahti zurück und nach dem Abendessen im Hotel setzte sich die Gruppe in den Garten. Ich war noch nicht da, mein Mann wurde immer wieder gefragt, wohin ich denn gegangen sei und zu wem... Er konnte leider keine große Auskunft geben und verließ sich auf meine gute Orientierung und Menschenkenntnis, er vertraute mir....“Sie wird schon kommen...“ war seine tröstliche Antwort!!!!

Ich hatte ganz die Zeit vergessen, schaute auf die Uhr und musste feststellen, dass es schon 20.00Uhr ist. Draußen war es noch taghell wie Nachmittag. Jetzt wurde ich etwas unruhig .....

Eeva beruhigte mich und versprach mir, mich zum Hotel zu fahren. Die Familie begleitete mich zur Stadt, zum Hotel, wo ich schon sehnsüchtig erwartet wurde. Alle waren schon neugierig auf meinen Bericht, doch konnten sie sich selbst von meinen liebenswürdigen Gastgebern überzeugen. Mein Mann lernte somit auch Eeva und Familie kennen und so verabschiedeten wir uns in der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

 Es war eine Reise, wie sie nicht schöner hätte sein können. All meine Erwartungen haben sich noch am letzten Tag unseres Aufenthaltes erfüllt. – Viele Briefe wanderten zwischen Finnland und Deutschland hin und her, eine Freundschaft hat sich gefestigt, Vertrauen ist gewachsen und gegenseitige Besuche halten unsere Familien bis zum heutigen Tag fest verbunden.

veröffentlicht: 2012-02-24