Der Polartaucher und die Brille

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Es sind neue Leute angekommen. „Er ist Deutscher, sie Originalfinnin". Taisto berichtet es uns.  Sie wohnen in seiner Privathütte, die von all seinen Hütten am weitesten von uns entfernt liegt. Ja, das ist ja ganz schön, aber wir werden uns sicher nicht über den Weg laufen, denken wir. Doch es sollte anders kommen. Wir sind einmal wieder unterwegs auf unseren bewährten Wanderpfaden, als ein Auto mit deutschem Kennzeichen – und die sind hier äußerst selten geworden – an uns vorbeifährt. Wir winken begeistert. Nach einer Weile ein Bremsen, Knirschen, Staubwirbel. Im Rückwärtsgang rast das Auto auf uns zu. Hält. Es sind Voukko und Peter aus Taistos Hütte. Sie hatten natürlich auch schon von uns gehört. Zwei fremde Paare auf finnlandstaubiger Straße zwischen Himmel und Erde reden und lachen, als hätten sie sich alle Tage ihres Lebens schon gekannt.

Sie erzählen von Taisto, dass er es sehr vermisst, mit uns bisher nicht in ein Gespräch gekommen zu sein. So beschließen wir sofort ein gemeinsames Meeting noch am selben Tag. Und alle kommen: Taisto, Pirjo, Vuokko und Peter. Pirjo, die Hände voll mit Blumen aus ihrem zauberhaften Garten, im Beutel Kartoffeln, Zwiebeln und Schmorgurken. Nur gut, dass Klaus schon morgens einen Pudding gekocht hatte und ich mit meinen frisch gepflückten Beeren aufwarten kann. Wir reden, fragen, erzählen wild durcheinander.  Taisto sitzt stumm dabei.  Es ist eben nicht seine Art zu reden – ganz anders seine Frau, die voller Lebensenergie erzählt und lacht. Wie sagte es  noch Helge Sobik in seinem Buch: „Wenn der Finne tot ist, sagt er nichts mehr. Das ist vorher nicht viel anders.“

Doch Vuokko berichtete uns später, dass er sich ausgesprochen wohl gefühlt hätte an diesem Nachmittag und er sei ganz auf seine Kosten gekommen.

Polartaucher

(Polartaucher in "Antjes und Klaus' Bucht", Foto: Peter 2010)

Das ist der Polartaucher. Seinen Ruf „kuiik-ko – kuiik-ko“ haben wir schon einige Male vernommen. Aber er zeigte sich uns nicht. Kein langer gräulicher Hals mit feinen weißen Streifen an der Seite reckte sich aus dem Wasser empor. Ich las, dass er hier in der finnischen Seenwelt  zu den mythischen uralten Wasservögeln gehört. In einem der Schöpfungsmythen war er es, der den Schlamm vom Grund des Urmeeres holte, aus dem Gott dann festes Land schuf.

Steg am Puula-See

(Steg an "unserer" Hütte)

Es ist noch früh am Morgen, als wir am Frühstückstisch sitzen nah am Fenster, nah am See. Ich fühle mich nicht gut, hatte einen unendlich traurigen Traum, in dem ich mich weinend von meinem kleinen Freund Madhu verabschiede, weil er nach Schweden fährt. Tränenüberströmt wachte ich auf.  In dieser Stimmung schaue ich aus dem Fenster, lasse meine Augen über den See schweifen – von dem Steg mit dem kleinen Holztisch und den beiden Bänken bis zur Mitte des Sees zu den Seerosen. Dort, ich wage meinen Augen nicht zu glauben, ein Wasservogel! Sollte das der Polartaucher sein? Ich zittere vor Aufregung, schnapp mir das Fernglas und die Kamera, renne zum Steg, setze mich auf eine der beiden Bänke, das Fernglas fest vor meinen Augen, wozu ich beide Hände brauche. Kein Interesse für die Kamera, die ich wie geistesabwesend auf den Tisch lege, sodass sie beinahe in den See gefallen wäre. Wie gebannt schaue ich in Richtung Seerosen. Wirklich, es ist der Polartaucher! Ich kann mich nicht satt sehen an dem langen schwarzgestreiften Hals. Und ein zweiter Polartaucher kommt hinzu. Ich mache ein Foto, doch ich weiß, es ist umsonst, sie sind zu weit weg für meine Kamera. Irgendwann fällt mir unser Frühstück ein. Ich gehe zurück, will meine Brille aufsetzen. Sie ist fort. Vielleicht liegt sie in der Hütte? Nein, da ist sie nicht. Ich suche sie auf dem Weg, am See, wieder in der Hütte und werde von dem beklemmenden Gefühl beschlichen, mit ihr so umgegangen zu sein auf dem Steg wie mit meiner Kamera. Sie wird hinunter in den See gefallen sein und dann hat sie die Strömung mitgenommen. Ich wate durchs Wasser um den Steg herum, taste mich an glitschigen Steinen entlang, schaue in jede Steinspalte. Nichts. Mit meinem Mann suche ich noch einmal auf dem Weg, dem Platz, in der Hütte. Anderthalb Stunden mühsames Hinunterschauen, Umherschauen. Die Hoffnung ist am Erlöschen. Wir beschließen, nicht mehr daran zu denken, auch nicht daran, dass es eine völlig neue Brille war, zu deren Kauf ich mich nach einem Jahr endlich aufgerafft hatte.

Der Morgen rückt dem Mittag näher. Es ist 11 Uhr, als wir uns auf den Weg zur Hütte von Peter und Vuokko aufmachen. Wollen dort ein wenig herumfotografieren. Sie hatten es uns angeboten. Eine wunderschönes gemütliches Sommerhaus haben sie, dazu die volle Westsonne. Vuokko geht mit mir zu ihrem Lieblingsplatz, eine versteckte Bank am Wasser. Wir setzen uns, schauen, reden und schweigen, sind uns nicht fremd. Immer noch die Traurigkeit meines Traumes in mir. Ich erzähle ihr von meinem kleinen Freund und seinem Weggehen. Sie hat eine gute psychologisch realistische Erklärung, die mir gut tut.

Die Brillengeschichte, die ich in aller Ausführlichkeit Vuokko und Peter schildere, bewegt sie sehr. Sie gehen mit uns zurück, um gemeinsam den Platz, den Weg vor unserer Hütte vorsichtig mit Plastikrechen durchzuharken. So geschieht es. Es vergehen Stunden. Unzählige Male werden dieselben Plätze abgetastet. Nichts. Die Brille ist nicht auffindbar. Plötzlich fordert Vuokko mich auf: „Setz dich auf die Bank am Steg. Werde ganz still, lass das Geschehen in dir noch einmal ablaufen!“ Wie ein innerer Befehl ist das für mich. Warm ist es auf der Bank, ruhig liegt der See vor mir. Ich schließe die Augen. Allmählich wird es  ruhig, ganz ruhig in mir. Ich erkennen, wie die Dinge abgelaufen sind. Entweder liegt die Brille hier, wo ich sitze, im Wasser oder sie ist in der Hütte. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Mit dieser erleichternden Erkenntnis stehe ich auf mit halbgeschlossenen Augen, gehe ein paar Schritte auf Voukko zu, breite meine Arme aus, um ihr das alles zu sagen, bleibe dann stehen und als ich meine Augen ganz öffne, sehe ich etwas am Boden zu meinen Füßen glitzern. Die Brille!

Es war dein Schutzengel, sagt Vuokko. Umarmungen und Glücklichsein zwischen Birken und Kiefern am Puula-See unter Finnlands weitem Himmel. 

Danke, Engel, wie immer du auch heißen magst!

Veröffentlicht 2011-08-15