Sommergottesdienst ...

Sommergottesdienst am Puula-See

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Auf der Insel Väisälänsaari bei Hirvensalmi

Puula

(Blick von der "Gottesdienst-Insel", Foto Peter)

  ...und ein Abend, der nicht endet

Unsere Freunde Matti und Arja wollen uns besuchen. Sie sind in ihrem Sommerhaus bei Juva. Es würde  Abend werden, bis sie bei uns sind, meinen sie. Wir sind voller freudiger Erwartung, sie zu sehen. Eine kleine einfache Hütte unten am See, die Taisto, unser Hüttenbesitzer, aus den Balken seines Elternhauses zusammengebaut hat, richten wir zu einer gemütlichen Bleibe für sie her.

Am Morgen dieses Tages kommen Taisto und seine Frau Pirjo vorbei, überraschen uns mit Blaubeeren und Pilzen, die sie an geheimnisvollen Orten pflückten und einer Einladung, mit ihnen am Abend zu einer der kleinen Inseln auf dem Puula-See zu fahren. Dort sei der diesjährige Sommergottesdienst. Kesä jumalan-palvelu.  Natürlich will ich sofort. Ein religiöses Abenteuer winkt. Aber ich möchte auch da sein, wenn Arja und Matti kommen. Mein Mann denkt heimlich an das kleine, gefährlich wackelnde Boot, an felsige Ufer und finnische nicht zu verstehende Botschaften. Darum verzichtet er großmütig und wartet lieber auf die deutschsprechenden Finnen.

Es wird eine spannende Fahrt auf diesem See mit seinen unzähligen bewaldeten Inseln und den steil aufragenden Felsen. Eine prähistorische Szene, in die ich hier einzutauchen scheine. Das Motorengeräusch verhallt wie das Trommeln einer religiösen Zeremonie. Ein tiefer Friede in mir. Der Gottesdienst ist vorverlegt. 

Es ist wirkliche eine kleine Insel, das heißt eigentlich sind es zwei, verbunden mit einem kleinen Landrücken, dem pikku harju. Ich schaue mich um. Kein geeigneter Platz für einen Gottesdienst ist zu sehen und wir sind auch nur neun Leute. Es geht einen ziemlich steilen Felsweg hinauf, eher für geübte Kletterer geeignet. Und oben dann der weite Blick! Mein prähistorisches Meer mit tiefstehender Sonne.

Felsbrocken haben sich auf dem baumlosen Platz kirchstuhlmäßig angesammelt, bedeckt mit Moos und geeigneter Ort für Ameisen. Ein unauffälliges Kreuz aus Birkenholz dazwischen. Das Geräusch eines neuen Motorbootes. Männer, Frauen, Kinder, einzeln oder in kleinen Gruppen kommen den Felsen hinauf, füllen den Wald- und Himmelsraum.

Eine schwere Kiste wird herangeschleppt. Ein junges blondes, nett aussehendes Mädchen trägt sie. Wie erstaunt bin ich, als ich erkenne, es ist die Organistin mit ihrer Orgel. Mit einem sommerlichen Lächeln und anmutigen Knicks werden wir begrüßt.

Der finnischen Pastor kommt in grauen Jeans und schwarzem Hemd. Gut und angemessen gekleidet für eine Naturmesse, befinde ich. Doch dann bleibt er vor einer kleinen Kiefer stehen, die zu seinem Kleiderständer wird. Nach einem kurzen Umkleideaugenblick schreitet er in langer weißer Robe mit leuchtendgrüner Borte zu seinem Altar aus Himmelsluft und Waldbodenerde.

Gottesdienst auf einer Insel im Puula-See

(Inselgottesdienst, Foto Antje)

Eigentlich wirkt er eher missmutig, geradezu menschenunfreundich, die Mundwinkel heruntergezogen, den Kopf gesenkt.  Er wird nicht verheiratet sein, stelle ich mir vor. Welche Frau würde mit ihm leben wollen? Er ist einer dieser typischen Kopftheologen, die alles Emotionale vom Glauben fernhalten und vor allem vor sich selber. Natürlich wird er auch nichts für Kinder übrig haben können. Meine Theologen verurteilenden Gedanken schweifen in kirchentrostlose Gebiete ab, bis ich zur Organistin hinüberblicke, die sich gerade auf ihrem Felsenstuhl zurechtrückt. Unsicher und ängstlich schaut sie um sich, die schöne Stirn in krause Falten gelegt. Was mag sie bewegen? Wovor hat sie Angst? Ich mache mir Sorgen um sie, schaue noch genauer hin und erkenne, dass sie von einem Insekt verfolgt wird. Endlich springt sie auf, fuchtelt mit den Händen und verjagt es. Dann spielt sie auf ihrer Orgel und singt dazu mit heller, klingender Stimme von der Schönheit des Puula-Sees, bis wir alle mitsingen,

Der Pastor beginnt mit seiner Predigt. Aufmerksam und zuhörend die Leute. Immer noch hat sein Gesicht diesen unbeteiligten Ausdruck. Wie kann er nur so von der Freundlichkeit Gottes reden? Wie kann nur solch ein Mensch Pastor werden? Angestrengt denke ich darüber nach, welchen Theologen man die Ordination verweigern sollte. Doch mitten in meine ernsthaften Überlegungen hinein lachen die Leute um mich plötzlich laut auf. Überall entspannte, glückliche Gesichter!

Nach einer Weile mürrischen Predigens schon wieder eine Lachsalve. Ich bin betroffen, verstehe gar nichts mehr. Was ist geschehen? Natürlich will ich sofort nach dem Gottesdienst von Pirjo und Taisto wissen, was geschehen war, dass sie alle so sehr lachten. Sie waren verwundert über meine Frage. „Er hat zu Beginn nur lustige Dinge erzählt über sich und die Anwessenden. Und schau, da ist auch seine Frau, die gerade zu ihm kommt, die Schlanke dort mit dem blonden langen Haaren. Seine vier kleinen Kinder sind auch hier. Die spielen sicherlich irgendwo.“

Als sie mein verdutztes Gesicht sehen, ungläubig meine Augen, lachen sie und dann lache endlich auch ich über meine wilden Vorurteilsfantasien, denen ich einmal wieder auf den Leim gegangen war.

Er dauerte nicht lang der Gottesdienst, sehe mich schon früh genug zurückkommen, Matti und Arja zu begrüßen. Doch nun geht es erst richtig los. Wir klettern den Felsen wieder hinunter, überqueren den kleinen Harju und sind auf einer der 80 kleinen Inseln mit Schützhütte und Grillstelle, die als Übernachtungsplatz für Bootsfahrer dienen.  Hier gibt es jetzt Kaffee, die typischen kleinen selbstgebackenen Hefekuchen und jede Menge Grillwürste, die der Pfarrer gekonnt auf den Grill wirft.

In einer würstchenfreien Zone pirsche ich mich an ihn heran und frage nach dem Inhalt seiner Predigt. Ich erinnere mich nicht mehr, was er mir erzählte, aber ich sehe seine Bereitwilligkeit und Freundlichkeit vor mir, mit mir darüber zu sprechen. Ich hatte gehört, dass es in Finnland viele kleine christliche Gruppen gibt mit den unterschiedlichsten, eigenartigen Glaubensvorstellungen. Wie er nun als Pastor damit umgehe, frage ich ihn. Oh, er sei heilfroh, meinte er, dass Gott um all die verschiedenen Wege seiner Leute weiß.

Eine befreiende Sicht! Oft denke ich an diesen Satz.

Unser Motorboot tuckert heran. Wir klettern hinein und bei einem letzten Blick auf die kleine Gottes - und Menscheninsel sehe ich den Pastor mit seinen Kindern im Wasser umhertollen.

Es ist noch hell, als ich wieder in unserer Hütte bin. Von unseren Freunden ist nichts zu sehen. Wir warten und warten in den Abend, in die Nacht hinein. Stille breitet sich um uns und in uns aus. Wir lauschen und schweigen. Hüllen uns darin ein. Endlich von fern ein Motorengeräusch. Sie kommen. Dann sitzen wir mit ihnen auf unserer Veranda, essen die schon lang vorher zubereiteten Speisen, trinken Rosèwein aus dem Pappkanister und lassen die Geschichten, die wir einander erzählen, Wurzeln  um unsere Hütte herum schlagen. Der Wald, der See, der Himmel – sie gehören uns. Wir sind glücklich und bleiben sitzen, bis der Morgen kommt..

Als ich mich schlafen lege, höre ich immer noch unser Lachen, wie es über den See hinausklingt.

 Veröffentlicht: 2011-07-03