Inselmarkt Turku

Strömlingsmarkt in Turku

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Am letzten Wochenende, also am 28. und 29.4.2001, fand auf der westlichen Uferstraße zwischen Aura- und Theaterbrücke zum 5. Mal der "Markt der Inselbewohner" statt. Im Grunde unterscheidet er sich nicht viel vom Strömlingsmarkt im Herbst, doch ist er eine willkommene Bereicherung des Lebens in Turku und gleichzeitig ein Zeichen für den beginnenden Frühling. Bei beiden Gelegenheiten ist die Grundlage der Verkauf von Fisch durch die Fischer aus der Turku vorgelagerten Inselwelt. Der Herbstmarkt besteht schon seit einer größeren Anzahl von Jahren und findet sich auch in Helsinki und anderen Küstenstädten. Meines Wissens führt Turku als einzige Stadt diesen Frühjahrsmarkt durch und strebt danach, ihm ein ganz eigenes Profil zu geben. Das bedeutet, dass neben Fischern und Fischverarbeitungsbetrieben möglichst nur Handwerker von ihnen hergestellte Waren verkaufen sollen.

Uferstraße Turku

(Uferstraße am Aurajoki, Foto: Peter)

Am Freitagabend waren die Stände auf beiden Seiten der nur schmalen Straße, die auch sonst nur leichtem Verkehr dient, schon aufgebaut. Eine Gittertür sperrte das Gelände zur Hauptstraße hin ab. In der Nacht fiel Nieselregen und wir fürchteten um das Gelingen der Veranstaltung. Diejenigen Händler oder Fischer, die mit ihren Booten von einer der Inseln gekommen waren, wohnten dort, die anderen, die auf dem Landwege gekommen waren, übernachteten bei Verwandten oder, wenn sie aus der Nähe kamen, zu Hause.
Am Sonnabendmorgen war es noch trüb, doch dann kam die Sonne durch und es gab einen klaren Tag mit 15 Grad im Schatten. Am Morgen führten die Studenten einen Ruderwettbewerb auf der Aura durch. Erst am Sonntagabend fing es wieder an zu regnen. Es gab also nichts, was die Stimmung hätte trüben können.
Wir gingen zur Mittagszeit auf den Markt. Überall kamen uns schon Menschen mit Plastiktüten entgegen. Sie hatten schon eingekauft. Nun waren wir an der Reihe. Die ganze Straße war mit Menschen, Kopf an Kopf, gefüllt. Gleich am Anfang wurde Lachsfilets über einem Holzkohlenfeuer gebraten. Lachs gibt es in Finnland viel, weniger den Wanderlachs, sondern solchen, der in großen "Gehegen", durch Netze von der Umgebung getrennt, am Rande des Meeres in Buchten gezüchtet wird. Er hat alle Eigenschaften des normalen Lachses. Auf Schwedisch heißt der Fisch "regnbågsforell" - Regenbogenforelle, doch da der Fisch ganz dem Seelachs gleicht, soll ihm Präsident Kekkonen den Namen "kirjolohi" (Buntlachs) gegeben haben und dabei bleibt es. Wir essen ihn viel. Er ist gut und billig und im Geschäft gibt es ihn immer filetiert.
Gleich am Anfang unseres Marktrundganges stieg uns also schon der Duft gebratenen Fisches in die Nase. Von den insgesamt 125 Ständen waren 36 von Fischern belegt und 13 von Fischveredlungsunternehmern. Man kann sich gar nicht vorstellen, was sich aus Fisch alles machen lässt. Ein berühmtes Produkt ist "kalakukko". Dies stammt allerdings nicht aus der Turkuer Gegend, sondern aus Ost-Finnland, besonders Kuopio. Es hat das Aussehen eines Brotlaibes und enthält viele kleine Fische mit Speck, die von einem Roggenteig umhüllt sind. Diese Fische heißen "muikku" (kleine Maräne) und sind so klein, dass sie nicht ausgenommen werden, wenn man sie gebraten oder geräuchert isst. Kalakukko wird wie ein Brot aufgeschnitten und so gegessen. Für viele sind sie eine rechte Delikatesse.

Schären vor Turku

(Schären vor Turku, Foto: Peter)

Man konnte muikku und andere Fische auch in anderer Form finden. So gab es z.B. einige Stände, auf denen eine Art Paella hergestellt wurde, aber nicht mit Schalentieren, sondern u.a. mit muikku. Ganz wichtig für die finnische Küste ist eine Art kleiner Ostseehering, "silakka". Dieser wird in Massen in der hinteren Ostsee gefangen und kommt roh, geräuchert oder gebraten auf den Markt. Auch davon gab es auf dem Markt eine reiche Auswahl, ebenso viele verschiedene Gewürze.
Doch der Markt bot nicht nur Fische und Fischprodukte. Fast ebenso wichtig waren handwerklich hergestellte Produkte an insgesamt 42 Ständen. Da ich schon viel von Fischen gesprochen habe, möchte ich gleich einen Mann erwähnen, der echte Finnendolche (puukko) herstellt: Mit diesen kann man gefangene Fische gut aufschneiden und zerteilen.

Norrskata

(Blick von Norrskata, Foto Peter)

An mehreren Ständen wurden selbstgestrickte Pullover und Jacken aus reiner Wolle angeboten. Bei diesen lag die Herstellung von Anfang bis Ende in einer Hand. Wir erlebten solche Herstellung auf der Insel Norrskata, wo wir mehrere Sommer verbrachten. Zu dem Haus gehörten Weiden, auf denen Schafe grasten. Die der einen Herde hatten weiße Wolle, die der anderen braune. Das bedeutet, dass sich gemusterte Pullover ohne Färbung herstellen lassen - die Farbe ist schon da. Nach dem Scheren folgt das Waschen und Spinnen der Wolle und schließlich das Sticken. Die Verkäuferinnen trugen auch selbstgestrickte Jacken und Mützen und waren somit die besten Modelle für ihre Produkte. Da sie den ganzen Tag in der frischen Luft standen, brauchten sie auch warme Kleidung. Wer dort kaufte, konnte entweder eines der fertigen Produkte nehmen oder nach den eigenen genauen Maßen bestellen, so wie wir es vor einigen Jahren auf Norrskata getan hatten. Als damals die Jacke fertig war, brachte sie uns die Besitzerin ins Haus.
An einem anderen Wollstand sahen wir eine Neuheit: Zehensocken. Das waren bis zum Knie reichende Wollstrümpfe, deren Spitze in fünf Enden auslief, wie Fingerhandschuhe, aber diesmal für die Füße. Sie mögen für den Winter gut geeignet sein.
Überall gab es Kostproben, nicht nur Fisch, sondern auch z.B. Sanddornsaft und Svartbröd. An einigen Stellen wächst der Sanddorn, dessen Beeren sehr vitaminreich sind. Da Sanddorn selten auftritt, ist der Saft recht teuer. So konnte man neben reinem Saft auch Sanddorngelee kaufen - so gab es mehr Ware zu einem niedrigen Preis. - Svartbröd ist eine Spezialität der Inselwelt vor Turku. Es bedeutet übersetzt "Schwarzbrot", doch das sagt nicht viel. Svartbröd ist dunkelbraun und in der Form eines Diskus mit etwa 20 cm im Durchmesser und einer Höhe von 2,5 cm. Sicher besteht es aus Roggenmehl, Malz, Sirup und anderen Zutaten. Man sagt, früher sei auch Blut dabei gewesen. Auf jeden Fall muss es mehrere Backprozesse durchgegangen sein; denn es ist sehr fest und schwer, aber ohne Kruste und hält sich viele Monate. Es ist auch entsprechend teuer. Wie bei jedem Fischmarkt waren die uns schon bekannten vier oder fünf Stände mit Svartbröd zur Stelle, einer auch von den Ålandinseln, dessen Inhaber uns kosten ließ. Wir wählten schon gewohnheitsmäßig den Stand der Heimbäckerei Iniö und unterhielten uns mit dem Besitzer. Als ich noch Lehrer an der Deutschen Schule Helsinki war, brachte mir eine Lehrerin, die auf Iniö zu Hause war, des Öfteren Svartbröd mit. Ich wusste nur ihren Vornamen und fragte den Besitzer. Er wusste ihn auch nicht, ebenso wenig seine Tochter, mit der er nur schwedisch sprach. Iniö ist eine kleine Inselgemeinde mit einer Hauptinsel sowie mehreren kleineren Inseln und etwa 200 schwedisch sprachigen Einwohnern. Jeden Tag legt ein Verbindungsboot, das auch Autos aufnehmen kann, in Iniö an. Auf der Karte ist eine Eisstraße vermerkt, auf der in guten Wintern Personenwagen fünf Kilometer zu der nächsten mit dem Festland durch Brücken verbundenen Insel (Kustavi) fahren können. Leider ist jetzt nicht Winter. In der Luftlinie liegt Iniö 30 km westlich von Turku.
Zu den traditionellen Beschäftigungen in der Inselwelt gehört auch das Holzschnitzen. Da sah man allerlei kleine Tiere und Blumen aus Holz, doch uns fiel eine geniale Erfindung auf: die Mückenfalle. Es handelt sich da um eine Arbeit in Form eines Vogelhäuschens, nur viel kleiner, etwa 6 cm hoch. Vorn befindet sich ein kleines Loch, durch das die Mücke wohl hineinkriechen kann, aber nicht mehr zurück. Die Mücke ist gefangen und kann keinen Schaden mehr anrichten.
Während wir uns Schritt durch die Massen drängten, hörten wir eine bekannte Stimme. Es war Billy, eine unvergessliche Erscheinung im Turkuer Straßenbild. Er steht fast jeden Tag in der einen Ecke des Markts und singt da mit seiner lauten, etwas krächzenden Stimme zu Gitarrenbegleitung englische und irische Volkslieder. Einmal stand in der Zeitung ein Artikel über ihn. Er kam wohl vor vielen Jahren von Irland nach Turku, heiratete und blieb hier. Was anfangs sein Hobby war, hat sich jetzt zu seiner Hauptbeschäftigung entwickelt. Er gehört eben zu Turku und in seinen Kasten fliegen immer wieder Münzen.
Weitere handwerkliche Produkte waren Keramikwaren, Holzschmuck und auch Holzflöten aus Weide, aber auch dem Kalevala-Epos nachempfundene Hörner aus Birkenbast. Ihre Töne vermischten sich mit Akkordeonmusik und dem Stimmengewirr der zu Zehntausenden erschienenen Besucher. Viele nutzten das Angebot auch aus, um ihr Mittagessen an Tischen auf der Straße oder in Zelten zu sich zu nehmen. Da gab es neben der schon erwähnten Paella auch Kombinationen von gerösteten Kartoffeln und gebratenem Lachs, gebratenen Strömlingen (silakka) oder gebratenen Barschen (ahven). Sehr beliebt waren auch Hechtbällchen, also nach Art der Fleischbällchen geformte gebratene Bällchen aus Hecht, Barsch und Hammelfleisch. Es gab auch eine gute Fischsuppe.
Wer nicht an Ort und Stelle essen wollte, konnte auch sein Essen mitnehmen, auch Fischsuppe in Plastikkannen. Wir kauften auch ein und aßen davon an den nächsten Tagen. Das waren einmal Fischbällchen aus Lachs und zum anderen ein Stück einer Rolle gut geräucherten Lachses.
Wenn es sich um Fisch handelt, darf auch die Aufklärung nicht fehlen. So fand sich in einer auf das Marktgelände zugehenden Nebenstraße ein größerer Stand der Fischereiverwaltung, an dem man Broschüren über die einzelnen in Südwestfinnland vorkommenden Fische erhalten konnte und Karten mit Abbildungen der verschiedenen Fische, ihre Fangzeiten und Zubereitung kaufen konnte. Für viele Finnen ist der Aufenthalt im Sommerhäuschen mit Fischen verbunden und im Winter sitzen viele auf dem Eis und versuchen, durch Löcher Fische zu fangen. Dies erfordert eine besondere Technik. Jedes Jahr finden auch Wettbewerbe im Eislochfischen statt. Die Teilnehmer rechnen jeweils nach Tausenden.
Wie es zum Marktleben gehört, gibt es anderes. Dazu gehörte ein Stand mit Lakritz in allen Variationen, Waffel- und Omelettbäckereien, Verkauf von Freizeittextilien (Kirsti fand da eine schöne Schirmmütze.) und auch der Verkauf neuartiger Bratpfannen, fast in der Art eines Wok. Auch das kauften wir und sind damit sehr zufrieden. Täglich braten oder dünsten wir darin unser Essen ohne Fett und es setzt nicht an.
Eines darf in Finnland auf keinen Fall fehlen. Wo Waffeln oder Omeletts hergestellt wurden, konnte man sich auch hinsetzen und Kaffee aus einem Pappbecher trinken. Auch wir hatten Kaffeedurst und wählten den Stand des Lions Clubs. Die Frauen der Mitglieder hatten in großer Zahl Gebäckstücke gebacken und verkauften sie zusammen mit Kaffee oder Tee. Das Wasser zum Kochen hatten sie von Hause in großen Kanistern mitgebracht. Wer wollte, konnte auch Limonade, Bier oder Softeis kaufen. Uns schmeckte der Kaffee, und außerdem wussten wir, dass wir das Geld für einen guten Zweck gegeben hatten.
Für unseren Gang von einem Ende bis zum anderen, natürlich mit ständigen Unterbrechungen, und wieder zurück (eine Strecke etwa 300 m) brauchten wir gut zwei Stunden. Es war also wirklich genug los. Im vergangenen Jahr rechnete man mit 60000 Besuchern.
Wie man das allerdings bei dem Gedränge zählen konnte, kann ich mir nicht vorstellen. Für dieses Jahr liegen keine Zahlen vor. Auf jeden Fall waren es wieder viele. Das ist umso erstaunlicher, als in Turku kein Mangel an Fisch besteht. An jedem Wochentag kann man Fisch auf dem Markt an 10 oder mehr Ständen kaufen, z.T. auch in geräucherter Form. Was ist nun das Geheimnis des Fischmarktes? Ist es die Erweiterung bis nach Kuopio und zu den Binnenseen oder ist es die Teilnahme der Handwerker oder einfach das Bewusstsein, dass hier wieder einmal eine Gelegenheit besteht, sich zu drängen und im Gedränge Bekannte zu finden? Ich weiß es nicht.
Am nächsten Tage, am Sonntag, fand das traditionelle Radrennen statt. Da wurde es noch enger; denn die Strecke führte auch am Ufer entlang, vom Museum "Aboa vetus, ars nova" über die Aurabrücke, dann auf dem anderen Ufer bis zur Dombrücke und wieder auf dem östlichen Ufer, insgesamt 50 Mal. Die Aurabrücke, bei der auch der Markt begann, musste also eine ihrer zwei Spuren für das Radrennen abgeben. Wer auf der Brücke stand, konnte auf der einen Seite das Markttreiben beobachten und auf der anderen Seite das Radrennen verfolgen. In Turku ist immer etwas los. Sieger war der für den Turkuer Sportbund fahrende Este Sigvard Kukk, Zweiter der Russe Jevgeni Jakovlev. Auf den nächsten Plätzen lagen auch Esten, und erst der Sechste war ein Finne.
Als am Sonntagabend der Fischmarkt zu Ende ging, stand der Vorabend des großen Frühlingsfestes Walpurgis = vappu (1. Mai) vor der Tür. Es galt das, was am Abend des 30.5. die Studentenvertreterin sagte: "Der Frühling ist da".

(Mai 2001, veröffentlicht: 2012-01-04)