Ostern

österliche Tradition in Finnland

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Stärker als bei anderen Festen, kommen die finnischen Ostertraditionen aus ganz verschiedenen Richtungen. Auch hier in Turku sind Einflüsse aus dem Osten, aus Karelien, zu verspüren. Als nach dem 2. Weltkrieg die östliche Grenzprovinz an die Sowjetunion fiel, wurden die 400 000 Karelier evakuiert und in einem gewaltigen Siedlungsprogramm über das ganze Land verteilt. Sie brachten ihre Traditionen und Sitten mit. Da bei der orthodoxen Kirche das Osterfest die größte Bedeutung hat, wirkten die Karelier gerade auf dieses Fest ein.

Die Osterwoche beginnt mit dem Palmsonntag. An diesem Tag sieht man kleine Mädchen, wie Hexen gekleidet, von Tür zu Tür gehen. Sie haben lange, bunte Kleider, ein großes Schultertuch und tragen einen Korb in der Hand. Um den Kopf haben sie ein Tuch gebunden, und das Gesicht ist voller (aufgemalter) Punkte. Am wichtigsten aber ist die Rute, die sie in der Hand tragen. Diese ist aus Weidenzweigen mit Kätzchen gebunden; falls es zu kalt ist, werden sie schon früher geschnitten und in einem warmen Raum zum Aufbrechen gebracht. Sie kommen in Gruppen zu zweit oder dritt und sprechen rutenschwingend folgenden Vers:

Virvon, varvon, tuoreeks, terveeks,
rikkaaks, rakkaaks, tulevaks vuodeks!
Sulle vitsa, mulle palkka. 
  

Das ist übersetzt:

Ich beschwöre, verzaubere , dass du frisch und gesund,
reich und lieb für das kommende Jahr wirst.
Dir die Rute, mir die Belohnung.


In Karelien nahm dann die Bauersfrau die Rute und befestigte sie an der Tür des Kuhstalles, für das Gedeihen des Viehs. Als Belohnung gab es Piroggen, gefärbte Eier oder auch Geld. Dies ist jetzt natürlich weggefallen, aber diese kleinen "Hexen" gehören weiterhin, auch in Turku, zum Bild des Palmsonntags.

Nicht nur in den Geschäften bereitete man sich auf Ostern vor. Im Hauptsender des finnischen Rundfunks hielt von Montag bis Gründonnerstag der bisherige Erzbischof der evangelisch-lutherischen Kirche, John Vikström, die Morgenandacht. Auch während der Ostertage trat er im Fernsehen mit zwei Beiträgen auf.

Die finnische Post kam auch dem Wunsch vieler Menschen, einen Ostergruß zu schreiben, entgegen und gab zwei Briefmarken Im Wert von 3,60 FIM = 0,60 Euro heraus. Die eine Marke zeigt ein buntes Ei, die andere einen stilisierten Kükenkopf. Dieser Wert gilt für Karten und einfache Briefe in Finnland und der ganzen Welt. Zwar wurden nicht solche Zahlen wie zu Weihnachten erreicht (52 Millionen bei einer Bevölkerung von 5,1 Millionen), doch auch so hatte die Post genug zu tun.

In den Geschäften konnte man Schokoladeneier in jeder Größe kaufen, besonders auch echte Hühnereier mit Nougatfüllung. Diese werden von der großen Schokoladefirma Fazer hergestellt, und zwar in den drei Monaten vor Ostern über 2 Millionen Stück, von denen 1,5 Millionen in Finnland verbraucht werden. Es gibt auch Schokoladenhasen, doch kommen sie ganz und gar aus Deutschland. Man kauft sie, kann sich aber nicht mit der Vorstellung vertraut machen, dass Hasen die Eier legen und bemalen. Auch ist es nicht üblich, Eier zu verstecken und suchen zu lassen. Das Ei als Symbol des neuen Lebens steht im Vordergrund. Manchmal sieht man auch im Schaufenster unter starken Wärmelampen Eier, aus denen kurz vor Ostern Küken schlüpfen, die dann zu Freude vieler kreuz und quer hinter dem Glas durcheinanderlaufen.

Eine weitere Art, das neue Leben zu symbolisieren, besteht darin, Grassamen zu kaufen und auf einem Teller mit etwas Erde auszusäen. Bei guter Planung hat man gerade zu Ostern den ganzen Teller voll grünen, frischen Grases. Auf dem Markt kann man Weidenzweige und andere Reiser kaufen, die gerade zum Fest grün werden. Wir fanden genügend wildwachsende Sträucher, von denen wir uns Zweige nahmen. Sie sind jetzt alle grün.

Wie auch in Deutschland, wurden in der Karwoche zahlreiche Musikstücke aufgeführt, am meisten die Matthäus- und Johannespassion von Bach. In Turku wurden u.a. die Johannespassion und "Stabat mater" von Pergolesi dargeboten. Wir entschieden uns für etwas anderes, für "Tenebrae"(1585) von Tomäs Luis de Victoria, einem Palestrina-Schüler. Es handelt sich um eine Folge liturgischer Musik für die Stille Woche, ausgeführt von dem Gesangsensemble "Lumen Valo" (Licht des Schnees) aus Helsinki. Die am Rande von Turku gelegene moderne Pallivaha-Kirche bis auf den letzten Platz besetzt; etliche mussten bei diesem kostenlosen Konzert auch stehen. Die 8 jungen Sängerinnen und Sänger, alles Absolventen der Sibelius-Akademie in Helsinki, sangen den lateinischen Text ohne Begleitung in vollendeter Form. Nach jedem Teil bliesen sie eine der die 11 Jünger und die 3 Marien darstellenden Kerzen aus, bis am Ende nur noch die Christus-Kerze übrigblieb. Wir konnten dem Text anhand einer Übersetzung folgen. Es war musikalisch und emotionell ein einzigartiger Genuss.

Ähnlich wie in Turku fanden an vielen Stellen des Landes Konzerte und Darbietungen statt. Dem konnten wir nicht folgen, doch konnten wir mit Hilfe des Fernsehens einen Blick auf manche Geschehnisse werfen. So sahen wir, wie der Erzbischof der orthodoxen Kirche, Johannes, am Gründonnerstag einer Reihe von Priestern die Füße wusch, so wie es Jesus an seinen Jüngern getan hatte. Die von Moskau unabhängige orthodoxe Kirche in Finnland hat etwa 60000 Mitglieder, wirkt aber infolge ihrer prächtigen Liturgie weit über die Grenzen der Kirche hinaus.

Die Gottesdienste am Karfreitag um 15 Uhr, zu Jesu Todesstunde, werden ohne Orgelbegleitung durchgeführt.

Zu Ostern gehören in Finnland zwei besondere Spezialitäten, mämmi und pasha. Mämmi stammt aus dem eigentlichen Finnland, also von Turku aus bis nach Helsinki und Tampere. Es war schon im Mittelalter bekannt und war während der Fastenzeit vor Ostern eine wichtige Speise. Man aß es besonders am Karfreitag, da es kalt genossen wird und es nicht angemessen schien, an diesem Tag ein Feuer zu entzünden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet es etwas in Vergessenheit, wurde dann aber wieder beliebt, und jetzt kann man sich Ostern ohne Mämmi nicht vorstellen.

Die Hauptbestandteile von Mämmi sind Roggenmehl, Malz und Wasser; zum Abschmecken nimmt man Pomeranzenschale. In der Regel nimmt man heutzutage industriell hergestelltes Mämmi, doch stellen manche Frauen es gern noch selbst her. In einem alten Kochbuch werden als Zutaten genannt: 8-10 l Wasser, 2 kg Roggenmehl, 1 kg Malz, 1/2 Teelöffel Salz, 6 Esslöffel zerkleinerte Pomeranzenschale. Es ist ein umständlicher Herstellungsprozess, bei dem die Bestandteile hochgehen müssen, abgekühlt werden, stundenlang unter Rühren kochen usw. Das Endergebnis ist ein dunkelbrauner Brei, der in aus Birkenbast geflochtene Satten (Gefäß) eingefüllt wird.

Mämmi hat, wenn es gut ist, eine glänzende Oberfläche. Wird Mämmi industriell hergestellt, so wird es in Portionen zu 700 g in Pappschachteln gefüllt, deren Aufdruck Birkenbast nachempfunden ist. Mämmi wird mit Zucker und Sahne genossen und schmeckt wirklich gut.

Man erzählt sich in Finnland eine Geschichte aus der Zeit gleich nach dem Krieg: Amerikanische Hilfsorganisationen wollten dem hungernden Europa helfen und schickten zunächst Sachverständige in die Länder, um zu erkunden, wo die Not besonders groß war und woran in erster Linie Bedarf bestand. Dieser Abgesandte kam zufällig gerade zur Osterzeit nach Finnland und sah, dass die Menschen etwas Braunes aßen. Mit großer Eile schickte er ein Telegramm in die USA, worin er schrieb: "Schickt schnellstens Hilfe! Die Menschen hier essen ihre Speise zweimal…"

Im Osten Finnlands, besonders im alten Karelien, war Mämmi unbekannt. Die dortige Osterspeise heißt Pasha. Es wird noch in manchen Häusern hergestellt, doch kann man es auch zu einem hohen Preis in guten Konditoreien kaufen. Ich habe vor mir ein Rezept für Pasha nach Art des Erzbischofs Paavali (Vorgänger von Johannes). Die Zutaten:

1 kg Quark, 4 dl Zucker, 5 Eier Vanille, 1/2 dl Rosinen,
1/2 dl(Deziliter) Apfelsinenschale,300 g ungesalzene Butter
(3 Tropfen Bittermandelöl).

Alle Zutaten werden zum Siedepunkt erhitzt. Die Butter wird erst hinzugefügt, wenn der Topf vom Feuer heruntergenommen ist. Man lässt es abkühlen. Die abgekühlte Mischung wird in eine mit Gaze ausgelegte Form gefüllt. Man kann die Masse eine Weile stehen lassen, damit die Molke abfließen kann und man noch mehr dazutun kann. Auf die Form kann man ein leichtes Gewicht legen. Am Ende wird das fertige Produkt herausgekommen, gestürzt und von der Gaze befreit. Pasha hat die Gestalt einer vierseitigen Pyramide, oben abgeflacht. Bei der Herstellung zeigte das schmale Ende nach unten. Solche Formen sind aus Holz und zeigen an ihren Innenwänden christliche Symbole (Kreuz, Taube, Fisch) und Buchstaben nach dem russischen Alphabet: X B = Christus ist auferstanden. Diese erscheinen dann als Relief auf dem fertigen Pasha. Die Juden feiern Passah zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.

In Helsinki wurde in diesem Jahr zum 6. Mal ein Kreuzweg (Via Crucis, ristin tie) durchgeführt, eine Darstellung der Leidensgeschichte an drei Schauplätzen, wobei Schauspieler und Publikum von einem Platz zum anderen in einer Prozession ziehen. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsarbeit der lutherischen, orthodoxen und katholischen Gemeinden. Die erste Gruppe von Szenen spielte sich im Kaisaniemi-Park ab: Jesu Einzug in Jerusalem, die vier Evangelisten am Lagerfeuer, Jesus im Tempelhof, sein Gebetskampf und die Gefangennahme. Die zweite Szenenfolge wurde auf dem Snellman-Platz dargestellt: Jesu Verhör und Verurteilung. Auf dem Weg zum 3. Aufführungsplatz, dem Domplatz, durchlitt Jesus die Anfechtungen und Schmerzen des Kreuzweges. Die Aufführung fand ihren Höhepunkt in der Kreuzigung und Auferstehung. Die Darstellung konnte - schon allein wegen des winterlichen Wetters - nicht so lang sein wie in Oberammergau, war aber sehr beeindruckend. Sie dauerte von 21.00 bis 22.40; danach begann im Dom der Osternachtgottesdienst.

Der Ostergottesdienst, der zweifellos die meisten Menschen anzieht, und sei es auch nur zum Fernseher, ist die orthodoxe Osterliturgie. In früheren Jahren nahm ich oft zumindest zwei Stunden lang am Gottesdienst in der schönen orthodoxen Kirche am Marktplatz in Turku teil. Er beginnt kurz vor Mitternacht. Die Menschen ziehen um die Kirche herum, und wenn sie wieder vor die Tür kommen, finden sie sie verschlossen, so wie Jesu Grab. Wenn nach Gebeten die Tür geöffnet wird, erstrahlt das Innere im Glanz von Hunderten von Kerzen, und immer wieder erklingt der Jubelruf "Kristus nousi kuolleista, kuolemallaan kuoleman voitti, ja haudoissa oleville elämän antoi." (Christus ist von den Toten auferstanden, durch seinen Tod hat er den Tod besiegt, und den in den Gräbern Liegenden gab er das Leben.) Diese Ostertrope ist auch in das neue Gesangbuch von 1986 der evangelisch-lutherischen Kirche in Finnland aufgenommen worden. Jeweils dreimal wiederholt, erklingt diese Weise im Zusammenhang mit den sonstigen Gesängen des Chores, vom Priester oder den Priestern gesungen oder vom Kirchenvolk gesungen, das während der mehrstündigen Liturgie steht, Wachskerzen in der Hand oder eine Ikone küssend.

Der Priester geht mit dem Weihrauchkessel herum, singt Gebete oder Bibeltexte, singt und liest die uralte Osterpredigt des Johannes Chrysostomos (um 400). Der Chor singt fast ununterbrochen und ohne jegliche Instrumentalbegleitung. Es herrscht eine feierliche Stimmung. Ich bin niemals bis zum Ende dageblieben, und das Fernsehen blendet gegen 2.55 in der Nacht aus.

Die orthodoxen Christen haben seit Beginn der Fastenzeit (in diesem Jahr 25.2.) keine Milchprodukte zu sich genommen. In der Osternacht erhalten all die, die hervorkommen, um das Kreuz zu küssen, vom Priester ein blutrot gefärbtes Ei. Nach der in den Frühgottesdienst übergehenden Mitternachtsliturgie, etwa um 5 Uhr, sind die Teilnehmer zum Ostermahl mit Lammbraten, Eiern und Pasha im Gemeindesaal eingeladen, oder sie gehen nach Hause und nehmen da das Mahl zu sich.

Uusi Valamo
(Uusi Valamo, Foto Peter)

In diesem Jahr wurde im Fernsehen der orthodoxe Gottesdienst aus dem Kloster Valamo übertragen. Der Liturg war der "Erzbischof von Karelien und ganz Finnland" Johannes zusammen mit einer umfangreichen Priesterschaft. Valamo wurde nach dem Krieg gegründet und nach dem alten Valamo benannt, das auf einer Insel im Ladogasee lag. Etwa die Hälfte des Sees mit mehreren größeren Städten gehörte vor 1939 zu Finnland. Als Finnland Karelien an die Sowjetunion abtreten musste, nahmen die Mönche die meisten Ikonen mit und fanden nach längerem Suchen bei Heinävesi einen geeigneten Platz für einen neuen Klosterbau. Die alten Mönche sind alle gestorben, einer im Alter von 109 Jahren, doch gibt es nach einem gewissen Niedergang jetzt genug Nachwuchs. Die Nonnen aus einem anderen Kloster gründeten in der Nähe, in Lintula, ein neues Kloster. Sie stellen u.a. die Wachskerzen her, die in den Kirchen verkauft werden. Sie bilden eine Einnahme der Kirche; denn in der orthodoxen Kirche gibt es keine Kollekte.

Vor Jahren hörte ich einen Ausspruch über Finnland: Finnland liegt zwischen Ost und West, nur etwas weiter nördlich. Das kann man auch über das kirchliche Leben sagen. Finnland hat, besonders zu Ostern, Einflüsse aus Ost und aus West bekommen und lebt in ihrer Synthese gut und selbständig.

Veröffentlicht: 2011-12-18