Strömlingsmarkt

Strömlingsmarkt in Turku

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Von Donnerstag, dem 24.10., bis Sonntag, dem 27.10.1996, fand in Turku der 18. Strömlingsmarkt seit seiner Wiederbelebung statt. In Helsinki hatte er schon zu Anfang des Monats stattgefunden; hier in Turku wurde er auf diesen späten Zeitpunkt verschoben, da am 20.10. die Kommunal- und Europaratswahlen durchgeführt wurden.

Der Strömlingsmarkt in Helsinki wurde in gewisser Weise auch in Deutschland propagiert, da allerdings unter dem dort besser verständlichen Namen "Heringsmarkt". Es war als zusätzliches Angebot für die auf Kurzreise befindlichen "Finnjet"-Passagiere gedacht. Die zwischen Travemünde und Helsinki verkehrende "Finnjet" hat nach dem Winterfahrplan in Helsinki 6 Stunden Aufenthalt. Den Passagieren, die nicht in Finnland für eine längere Zeit bleiben wollen, wird eine Stadtrundfahrt angeboten; dazu kam jetzt noch ein Gang über den Markt. (Bei den Schwedenschiffen zwischen Helsinki und Stockholm ist eine solche Regelung auch an beiden Endpunkten möglich, auf der Strecke Turku - Stockholm jedoch nicht, da hier die Liegezeiten nur jeweils eine Stunde betragen.)

Um der Genauigkeit willen gebrauche ich den Ausdruck "Strömlingsmarkt" (finn. "Silakkamarkkinat", schwed. "Strömmingsmarknad"). Der Strömling ist nämlich kein Hering. Das hat jetzt auch die Europäische Union anerkannt. Demnach ist der Strömling ein Fisch, der nördlich von 59 Grad, 30 Min. nördlicher Breite gefangen wird, d.h. in allen finnischen Fischgründen. Das Gewicht darf zwischen 31 und 85 Gramm variieren; das bedeutet entsprechend der EU 12-32 Stück pro Kilo. Während der Hering einen Fettgehalt von mehr als 10 Prozent hat, kommt der herbstlaichende Strömling auf höchstens 7%, und beim frühlingslaichenden Strömling liegt der Fettgehalt noch niedriger, nach dem Laichen nur 2 - 3 Prozent. Strömlinge mit viel höherem Fettgehalt dürfen handelstechnisch als Heringe gehandelt werden. Trotzdem ist die Anerkennung des Strömlings als eigene Art von großer Bedeutung; denn jetzt soll die EU auch davon überzeugt werden, dass er auch als Futterfisch angewendet werden darf. Im letzten Jahr wurden vor der südwestfinnischen Küste 15,3 Mio.kg Strömlinge gefangen, von denen 13,6 Mio. kg als Futterfisch in den Pelztierfarmen verwendet wurden. Sollte die EU nicht die Erlaubnis geben, Strömlinge als Futter zu verwenden, so hätte das katastrophale Folgen für die finnische Pelztierzucht.

Wie auch in den letzten Jahren fand der Strömlingsmarkt auf der westlichen Uferstraße zwischen der Aurabrücke und der Mühlenbrücke statt. Am Ufer hatten auch 16 Fischerboote festgemacht und verkauften von dort ihre Waren. Im Grunde handelt es sich um eine sehr alte Tradition. Schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts kamen Fischer aus der vor Turku liegenden Inselwelt (6000 Inseln) im Herbst den Fluss (Aura) hinauf, um ihre Produkte zu verkaufen.

Wieder einmal wurde der nur 70 km lange Fluss zum Mittelpunkt des Geschehens in der Stadt. Turku ist im 12.Jahrhundert an der Stelle entstanden, bis zu der die damaligen Schiffe vom Meer her die Aura entlang fahren konnten, d.h. unterhalb des Doms. Eine Zeitlang waren es Hansekaufleute, und 1488 wurde das erste für Finnland bestimmte Buch, das im kirchlichen Dienst gebrauchte "Missale Aboense", von dem Lübecker Buchdrucker Gothan Bischof Konrad Bitz in Turku feierlich überreicht.

Vor 18 Jahren wurde der Strömlingsmarkt erneut ins Leben gerufen. Er entstand auf Initiative des hiesigen Lions Clubs Turku Aninkainen in Zusammenarbeit mit den Fischerverbänden Varsinaissuomen Kalastajaliitto ry und Åbolands Fiskarförbund rf. In den ersten Jahren machten die Fischer auf dem gegenüberliegenden Ostufer fest und verkauften von dort aus ihre Waren. Da sich der Markt ständig wachsender Beliebtheit erfreute und eine Ausweitung auf die dahinter liegende Uferstraße (Durchgangsstraße) nicht möglich war, wurde er auf das Westufer verlegt. Hierbei handelt es sich um eine Fußgängerstraße mit einigen historischen Gebäuden sowie einem bedeutenden Hotel.

Der Verkauf begann am Donnerstag um 8 Uhr. Die offizielle Eröffnung durch den Vizebürgermeister erfolgte um 11.30 Uhr, eingeleitet durch Darbietungen der Kapelle des Flottenstützpunktes Turku. Wir gingen auch an diesem ersten Tag bereits über den Markt. Teilweise herrschte ein solches Gedränge, dass wir nur mit großer Mühe weiterkamen. Etwa hundert Stände mit Fischprodukten und ebenso viele sonstige Stände waren aufgebaut. Natürlich stand der Strömling in verschiedenen Formen im Mittelpunkt, also geräuchert und eingelegt in allen Geschmacksrichtungen - mit Knoblauch oder anderen Kräutern, mit Senf, süßsauer oder salziger. Der Phantasie der Fischer und ihrer Familien waren keine Grenzen gesetzt. Sicher benutzten sie auch alte Rezepte ihrer Gegend. Sie kamen ja nicht nur von den nächstgelegenen Inseln vor Turku, sondern in großem Umfang von den Åland-Inseln zwischen Finnland und Schweden, besonders von Föglö, Geta und Kökar, aber auch von Küstenorten nördlich von Turku wie Naantali und Merimasku, sogar von dem weit im Norden liegenden Österbotten und auch einigen Orten an der Südküste, also am Finnischen Meerbusen. Dazu kamen einige Fischer von den Inlandsseen.

Gleich am Eingang, neben der Aurabrücke, stieg einem ein guter Duft in die Nase. Hier wurden große Lachsfilets am offenen Feuer gegrillt. Der Absatz ging so schnell, dass die Käufer oft lange warten mussten. Auch an einer anderen Stelle wurde gedrängelt. Da wurden ab 12 Uhr (und später noch ab 16 Uhr) je 750 Portionen Strömlingssuppe kostenlos ausgeteilt. Die Menschen sollten lernen, dass der Strömling nicht nur zum Braten und Einlegen geeignet ist. Hiervon nahmen wir nichts, doch bedienten wir uns mit allen möglichen Arten von eingelegten Strömlingen; auf den Verkaufsständen standen überall Dosen mit Kostproben bereit. Außerdem stellten wir uns zu einer anderen Kostprobe an. Bei einem von der Fischereilehranstalt eingerichteten Barsch-Informationsstand wurde gezeigt, wie man Barsch zubereitet, und es wurden Barschfilets gebraten. Sie schmeckten nicht schlecht.

Zumindest ein Stand brachte Fischprodukte aus Ostfinnland mit. Da gab es besonders "kalakukko". Das ist eine Art Brot. Auf dunklen Roggenmehlteig wird eine große Menge von kleinen "muikku" (kleine Maräne) zusammen mit Speckstreifen gelegt, dann wird der Teig hochgeschlagen und geschlossen, so dass ein normaler Brotlaib entsteht. Nach dem Backen hat man ein höchst nahrhaftes Brot vor sich; ich kann mir gut vorstellen, dass früher die Holzfäller solche Nahrung mit in den Wald nahmen.

Etwas moderner war ein anderes Angebot. Gleich an zwei Stellen gab es riesige Paella-Pfannen, fast 2 Meter im Durchmesser. Darauf brutzelten neben dem gelbgefärbten Reis alle möglichen Fischfilets, besonders von Strömling und Lachs, dazu Zwiebelringe und Gewürze, aber auch Tintenfischringe. Da konnte man sich eine Portion kaufen und auch bestimmen, von welchem Fisch man haben wollte. Manche aßen auf dem Markt, wir aber ließen uns unser Mahl in Stanniolpapier einpacken und nahmen es nach Hause.

Neben dem Fisch gab es auch andere Erzeugnisse aus der uns umgebenden Inselwelt. Da war zunächst svartbröd / mustaleipä. Wenn man es übersetzen will, ist es "Schwarzbrot", aber das sagt nicht viel. Es ist ein flaches, rundes Brot aus Roggenmehl mit viel Sirup und Malz. Das Backen dauert sehr lange. Das so entstehende Brot ist sehr fest, aber nicht hart, und man kann es monatelang aufbewahren, ohne dass es schlecht wird. Viele Turkuer gehen in erster Linie auf den Markt, um svartbröd zu kaufen. An einigen Stellen gab es auch dieses Brot von Erzeugern aus dem Inland. Wir hatten es auch einmal gekauft, da es billiger war, aber es war nicht richtig. Es scheint sich um ein Geheimrezept zu handeln, das nur auf einigen Inseln, z.B. Iniö, einer Gemeinde mit etwa 200 ständigen Einwohnern, bekannt ist.

Ein anderes Produkt vom Küstenstreifen ist Sanddornsaft. Die ziemlich kleinen Flaschen kosteten 50 FIM - Sanddorn wächst nur an wenigen Stellen, wie z.B. in Deutschland auf Hiddensee. Um mehr Menschen in den Genuss des Sanddorns kommen zu lassen, wurde in diesem Jahr auch Sanddorngelee angeboten.

Neben gutem Bienenhonig, einheimischen Äpfeln und Kartoffeln gab es auch selbstgestrickte warme Wollpullover, Wolljacken und Wollsocken. Wir sahen da auch eine uns bekannte Strickerin von der Insel Norrskata, die für ihre Arbeiten nur die ungefärbte Wolle ihrer etwa 100 Schafe nimmt. Da ein Teil der Schafe braune Wolle hat, lassen sich auf diese Weise gut Muster herstellen.

Neben einigen anderen Ständen fand derjenige mit Trockenobst regen Zuspruch. Das waren zwar keine Inselprodukte, aber da sich sonst kein derartiges Angebot findet, ist dieser Stand immer sehr willkommen. Da gab es literweise getrocknete Äpfel, Birnen, Aprikosen, Papaya, Pfirsiche, Pflaumen, Rosinen, Datteln und Feigen, ebenso, immer aus dem Litermaß mit einem Berg darauf, Haselnüsse, Walnüsse, Cashew- und Paranüsse. Wir kaufen da auch etliche Liter und hatten dann schwer zu tragen.

Weitere Küsten- oder Inselprodukte waren getrocknete Blumen, selbstgezogene Kerzen und mancherlei Salatsoßen, oft nach alten Seemannsrezepten, und Senf. 

Für Stimmung sorgten Akkordeonspieler und ein Marionettenspieler, der seine Puppe auf dem Klavier spielen und nach Musik tanzen ließ. Auch war ein Bierzelt aufgeschlagen, und der Lions Club verkaufte Limonade und Kaffee, um auf diese Weise Geld für ein oder mehrere humanitäre Projekte zu erhalten.

Der Verkauf am Donnerstag endete um 19 Uhr. Kurz davor legte die Aura-Stiftung in der Nähe der Aurabrücke zum Probefischen ein Netz aus.

Am Freitag wurde um 10 Uhr das Netz eingezogen. Es fanden sich darin 3 Lachse im Gesamtgewicht von 13,4 Kilo sowie ein Zander, 6 Brachsen und auch Zärten - nicht so viel wie in manchen anderen Jahren. Grundsätzlich ist das Netzlegen im Fluss verboten. Das Probefischen hat den Zweck, sich Klarheit über den Fischbestand zu verschaffen. In letzter Zeit sind Lachse und auch Meerforellen in der Aura ausgesetzt worden. Insgesamt fanden sich im Fluss 38 verschiedene Fischarten - vom Lachs bis zum Neunauge.

Zwei Stunden später wurden die gefangenen Lachse von der Aura-Stiftung versteigert. Der größte Fang, eine 7,5 kg schwere Lachsmama mit Rogen, erbrachte 400 Mark, die beiden anderen Lachse im Gewicht von 4 und 1,9 kg brachten 150 bzw. 75 Mark ein.

Auch sonst gab es an den ersten Tagen frischen Fisch: außer Strömlingen Hecht, Zander, Lachs, Meerforellen und Brachsen, sowohl unbehandelt als auch filetiert. Die Kauflust der Besucher war so groß, dass schon am Freitag einige Fischer die mitgebrachte Ware vollkommen verkauft hatten und wieder nach Hause fuhren.

Auch am Freitag wurden zweimal je 750 Portionen Strömlingsfischsuppe kostenlos ausgeteilt. Außerdem wurde die beste Zubereitung von Strömlingen prämiiert.

Am Sonnabend wurde ein Wettangeln im Fluss zwischen der Aura und der Kirchbrücke durchgeführt. Eine Firma führte eine Modeschau für Freizeitkleidung durch, und der Turkuer Seenotrettungsdienst gab Proben seiner Tätigkeit.

Um 12 Uhr stiegen auf dem nahegelegenen Flugplatz Sportflugzeuge auf, überflogen den Fluss und setzten ihren Flug über einige Orte in der Umgebung fort. Es waren sechs Flugzeuge; eines von ihnen hatte ein Segelflugzeug im Schlepptau. Der Anlass waren die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen des Aeroklubs Turku, doch war der Flug gerade an diesem Tag ein schönes Zeichen der Verbundenheit mit dem Geschehen auf dem Strömlingsmarkt.

Am Nachmittag, als wir wieder auf dem Markt waren, gab es auf einmal große Aufregung. Ein Mann war ins Wasser gefallen, mehr auf der anderen Seite des Flusses, aber nicht weit entfernt, da der Fluss hier nicht sehr breit ist. Zunächst dachte man, dass es ein Betrunkener war. Betrunkene fallen in Turku ziemlich oft in die Aura. Dieser Mann nun schrie wild gestikulierend um Hilfe. Bald auch hörten wir die Sirenen der herbeieilenden Feuerwehr. Drei Züge rückten an. Die Feuerwehrleute holten den Mann aus dem Wasser, legten ihn auf eine Trage und begannen sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen. Dem Mann war nichts weiter passiert. Jetzt kam auch auf dem Marktgelände eine Durchsage auf Finnisch und Schwedisch: Es hatte sich um eine Rettungsübung der Feuerwehr gehandelt. Später schaute ich im Programm nach - da stand es ganz klar schwarz auf weiß. Nur wer denkt immer daran?

Zum Abschluss des Tages sangen noch Pfadfinderinnen des Fähnleins "Aura-Mädchen" Seemannslieder.

Am letzten Tage, am Sonntag, fand der Verkauf noch einmal von 8 bis 16 Uhr statt. Der Akkordeon-Club aus Pargas/Parainen spielte Weisen aus der Inselwelt, und ein Professor von der Åbo Akademi hielt eine Festansprache.

Wir konnten erst eine halbe Stunde vor Schluss noch einmal, jetzt zum letzten Mal, auf den Markt kommen. Manche Stände waren schon abgebaut, einiges wurde auch billiger verkauft. Durch den Lautsprecher hörten wir die Schlussworte, jeweils auf Finnisch und Schwedisch. Ein großer Teil der Inselbewohner hat ja Schwedisch als Muttersprache. Es fing so an: "Der Himmel weint und vergießt Tränen; denn der Strömlingsmarkt geht zu Ende." Tatsächlich, es fing an zu regnen. Während der ganzen Marktzeit hatte es nicht geregnet, aber jetzt wurde es dunkel und regnete. Erst nieselte es, und dann wurde es immer stärker und hat bis jetzt, während ich den Bericht schreibe, noch nicht aufgehört.

Der Besuch hatte alle Erwartungen übertroffen. Die Rekordzahl von 170 000 Besuchern wurde erreicht. Die Fischer hatten insgesamt 50.000 kg Fisch zum Verkauf mitgebracht; dies wurde bis auf einen kleinen Rest auch umgesetzt. Die Verkäufer wurden gebeten, unverkaufte Ware den Arbeitslosen der Stadt Turku zu spenden. Auf den Paella-Pfannen brutzelten noch so manche Portionen.

Schon jetzt wird für das nächste Jahr geplant. Da etwa in der Mitte zwischen den beiden begrenzenden Brücken des Marktgeländes eine Fußgängerbrücke errichtet werden soll, ergäbe sich die Möglichkeit, einen Teil der Stände auf der gegenüberliegenden Flussseite aufzustellen. Doch das sind Zukunftspläne. Die Hauptsache ist, dass der diesjährige Strömlingsmarkt in Turku wirklich gut geglückt ist und dass alle zufrieden waren.

Turku, den 30.10.1996

veröffentlicht: 2012-04-09