Suomen Joutsen

Die Geschichte von Suomen Joutsen (Schwan von Finnland)

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Der plattdeutsche Schriftsteller Fritz Reuter lässt in seinem Gedicht "De sokratsche Method" den Schulrat (De Schaurat Ix ut Ixenstein, der wollt sich mal de Schaul besein) folgendermaßen sprechen:         

"Wie weise Gott es injerichtet hat,
dass bei ner jeden jroßen Stadt
nun auch ein Fluß noch fließt vorbei,
damit die Schiffahrt möglich sei."

Hieran muss ich oft denken, wenn ich Städte betrachte, die einem Fluss ihr Entstehen verdanken. Auch Turku gehört dazu. Schon in sehr früher Zeit siedelten sich hier an der Mündung der Aura Menschen an, zu denen auch bald Hansakaufleute, hauptsächlich aus Lübeck, den Weg fanden. Der finnische wie der schwedische Name der Stadt weisen darauf hin. "Turku" bedeutet "Markt", "Åbo"- "Flusssiedlung". Die deutschen Kaufleute erwarben im Tauschhandel vor allem Eichhörnchenfelle und Teer. Schon vor dem Bau des Doms (Einweihung 1300) befand sich an derselben Stelle eine kleine deutsche Kaufmannskirche.

Bis 1809 gehörte Finnland zu Schweden, danach, bis 1917, zu Russland. Obwohl viele Finnen zu jenen Zeiten zur See fuhren, geschah es naturgemäß nicht unter ihrer eigenen Flagge. Erst nach dem Erwerb der Unabhängigkeit konnte Finnland seine eigene Flotte aufbauen. Neben Handelsschiffen, Eisbrechern und einer kleinen Kriegsflotte gehörten dazu auch zur Ausbildung von Matrosen Segelschulschiffe.

Suomen Joutsen

"Suomen Joutsen" (Schwan von Finnland), Foto: Peter

Das bedeutendste dieser Segelschiffe, "Suomen Joutsen" (Schwan von Finnland), feierte dieser Tage seinen 100. Geburtstag. Das war ein echter Grund zum Feiern. Das Schiff gehört zu den Sehenswürdigkeiten, die auch ein flüchtiger Besucher der Stadt beachten sollte. Das schneeweiße Schiff liegt unterhalb der letzten Brücke vor Anker. Im Rahmen der Feierlichkeiten wurde man daran erinnert, welch einen dornenreichen Weg das Schiff in den 100 Jahren seines Lebens durchgemacht hat. Das Schiff wurde 1902 in Saint Nazaire (Frankreich) gebaut und lief im August des Jahres vom Stapel. Dabei erhielt es den Namen "Laännec". Als solches segelte es auf 15 Reisen über die Weltmeere und transportierte Kohle, Salpeter und Zement sowie Weizen aus Australien. Die Jahre des 1. Weltkrieges verbrachte es vor Senegal und der amerikanischen Ostküste. 1920 wurde die Laännec abgetakelt und zum Verkauf angeboten. Eine hamburger Reederei erwarb das Schiff und taufte es auf den Namen "Oldenburg". Nach umfangreichen Reparaturen konnte die Fregatte 1923 in See stechen und diente der Handelsflotte als Schulschiff, das auch Lasten beförderte. Zwischen 1923 und 1930 unternahm das Schiff insgesamt 8 Reisen über die Weltmeere. Auch hierbei kam manches Unglück über die Oldenburg.. Auf der letzten Fahrt hatte das Schiff 55 Grad Schlagseite, konnte aber noch gerettet werden.

1930 erwarb Finnland das Schiff. Bei den Umrüstungsarbeiten erhielt es auch 2 200-PS-Dieselmotore. Am 1.11.1931 erhielt es einen neuen Namen: Suomen Joutsen. Als Vorbild diente das Schiff "Finska Svan", das am 7.7.1565 erfolgreich an einer Seeschlacht vor Bornholm teilgenommen hatte. Unter diesem Namen führte das Schiff als Segelschulschiff insgesamt 8 Fahrten durch. Viermal wurde der Äquator überquert. Die längste Reise führte von Helsinki über Lissabon, den Panama-Kanal und die Westküste Südamerikas, vorbei an Kap Horn und über Buenos Aires und Rio de Janeiro zurück nach Finnland. Die Reise dauerte vom 9.10.1935 bis zum 2.7.1936. Während des 2. Weltkrieges diente das Schiff u.a. als Mutterschiff für U-Boote. 1949-51 unternahm es noch kleine Fahrten auf der Ostsee, und von 1961 an diente es, in Turku verankert, 27 Jahre lang als Matrosenberufsschule. Jetztgilt es als Museumsschiff in Verbindung mit dem Meeresmuseum "Forum Marinum". Für die Zeit der Feierlichkeiten wurde es von seinem normalen Ankerplatz zum Ufer vor dem Forum Marinum geschleppt, auf der anderen Flussseite und näher am Hafen.

An dieser Stelle, also auch nahe der alten Burg, konnte die Suomen Joutsen die Glückwünsche der zur Gratulation erschienenen Segelschiffe und anderer historischer Schiffe entgegennehmen. Sie waren zum Teil direkt aus Stockholm gekommen, das dieser Tage sein 750-Jähriges Bestehen feierte. Turku und Stockholm gehörten immer zusammen...

Superfast in Rosrock

Superfast in Rostock, Foto: Peter

Für mich bedeutete der Besuch der "Suomen Joutsen" eine große Umstellung. Wir waren gerade zwei Tage zuvor (23.7.) von unserer Deutschlandreise zurückgekehrt und hatten für die Überfahrt von Rostock nach Hanko das moderne Schiff "Superfast Ferries VII benutzt, das die Strecke in 21 Stunden zurücklegt. Die Überquerung der Ostsee ist heutzutage (fast) kein Problem mehr. Neben den Passagieren können auch riesige Mengen an Autos, Lastwagen und Containern mitgenommen werden. Jetzt fühlten wir uns in vergangene Zeiten zurückversetzt. Schon der Weg zum Schiff war mit einer "Seefahrt" verbunden. Ich fuhr mit dem Bus bis zum Flussufer und setzte dort mit der Fähre "Föri" zum nördlichen Ufer über. Dies ist ein ganzes Stück unterhalb der letzten Brücke. Auf der Fähre war es gedrängelt voll. Wir hatten sie schon oft benutzt, auch mit dem Fahrrad, aber so voll war sie noch nie gewesen. Der Weg bis zur "Suomen Joutsen" war auf der einen Seite von Verkaufsbuden, auf der anderen Seite - im Wasser - von Schiffen aus Schweden, Russland, den Niederlanden, Deutschland und anderen Ländern, natürlich auch aus Finnland, gesäumt. Fast alle Schiffe waren schon angekommen. Ich hätte sie gern in Fahrt gesehen, etwa den Dreimastenschoner "Vida" aus Stockholm. Mit ihm, der Brigantine "Thalassa" aus den Niederlanden und auch dem finnischen Schoner "Linden" konnte man auch Halbtagesfahrten unternehmen. Auf dem Grünfläche zwischen der "Suomen Joutsen" und dem Forum Marinum waren Bänke aufgestellt, von denen man am Abend verschiedene Programme verfolgen konnte. Bald nach den Festlichkeiten wird der Schoner "Helena", das neue, kleinere Schulschiff noch einmal die Route der 7. Reise (Helsinki, Calais, Funchal, Montevideo, Kapstadt, Calais, Helsinki) nachfahren. Die ursprüngliche Fahrt hatte fast 7 Monate gedauert.

Mir blieb nur die Zeit zu einem Besuch der "Suomen Joutsen". Wer in seinem Leben nicht zur See gefahren ist - die riesigen Passagierdampfer kann man nicht dazu rechnen – und auch nicht ein Segelboot außer bei einer Vergnügungsfahrt betreten hat, kann nur staunend die Takelage betrachten und sich nur wundern, wie solch ein Schiff alle Stürme überstanden hat.

Ich gebe einige Daten:
Länge über alles: 96 m
Länge an der Wasserlinie: 80 m
Breite: 12 m
Wasserverdrängung 2.900 t
Tiefgang mit Last: 4,8 m
Segelfläche: 2.200 qm
Länge der Taue: 30 km
Höhe des Großmastes: 52 m

Ein Gang durch das Schiff, da es jetzt friedlich am Ufer liegt, macht keine besonderen Schwierigkeiten. Wenn man unter den Masten steht und nach oben blickt, erscheinen sie unendlich lang. Dort oben also standen die Matrosen, bis in die höchste Höhe, oft auch bei stürmischem Wetter! Wie oft mussten die Segel geflickt oder gar erneuert werden! Beim Auslaufen hatte das Schiff jeweils einen dreifachen Segelsatz mit, jeder mit einem Gewicht von 4 t! Wie ließ sich das Schiff bei Sturm steuern? Welche Verantwortung trug der Kapitän? Wenn man die steilen Stiegen herabstieg, konnte man sich kein Bild mehr vom ursprünglichen Zustand machen. Als das Schiff zur Berufsschule umgestaltet wurde, mussten unter Deck große Unterrichtsräume geschaffen werden. Man kann also nicht mehr die Kojen der Matrosen sehen. Mit Ausnahme der Offiziere schliefen die 180 Matrosen in Hängematten, soweit sie nicht Wachtdienst hatten. Die Anzahl der Hängematten war also bedeutend geringer als die Zahl der Matrosen. Das Leben an Bord war nur unter strengster Disziplin möglich.

Einen gewissen Einblick in das Leben an Bord bekam man durch die umfangreiche Ausstellung in den durch Bullaugen nur mäßig erleuchteten Räumen. Da waren Gebrauchsgegenstände, Logbücher und Berichte zu sehen, besonders aber genaue Beschreibungen der acht Reisen und zahlreiche Fotos, liebliche von der Äquatortaufe und den wenigen Momenten der Freizeit unter der tropischen Sonne, beklemmende vom Schiff im Sturm, als die Wellen das Deck überspülten und die Matrosen nur fest angebunden entlanggehen konnten. Auch das riesige Steuerrad befand sich unter freiem Himmel.

Die Festtage der Historischen Schiffe endeten am Sonntag, als die noch verbliebenen Besatzungsmitglieder geehrt wurden und Admiral Jan Klenberg eine Ansprache hielt. Er betonte unter anderem, dass Turku mit seiner alten Seefahrtstradition der einzig richtige Platz für das nationale Meeresmuseum sei.

Gleichzeitig (24. - 28.7) fanden in Turku wieder die Mittelalterlichen Markttage statt, und in der Nachbarstadt Naantali wurde am 27.7. morgens der Siebenschläfer des Jahres (einen Monat später als normal) in das Becken des Bootshafens geworfen. Es war in diesem Jahr der Gatte der Präsidentin, Pentti Arajärvi.

Die Berichterstattung ging weit über Turku hinaus. Ich gebe im Folgenden eine Übersetzung einiger Passagen aus der Wochenzeitschrift "Seura“ vom 26.7.2002. Es handelt sich um Erinnerungen des damaligen Kadetten, jetzigen Majors i.R., Martti M. Letola von der 7. und vorletzten Reise der "Suomen Joutsen." - Der Südsturm , Windstärke 10, im Atlantik dauerte mehrere Tage, wobei die Sturmwellen das Deck so stark überspülten, dass das ganze Schiff unter Wasser war. Aus Sicherheitsgründen befand sich die ganze Besatzung auf Deck, und alle waren mit Tauen festgebunden, weil die Wellen sie sonst mitgerissen hätten. Tagelang konnte kein Essen zubereitet werden und wurde auch nicht gegessen. - Auf dem Weg nach Montevideo taten wir auch etwas, was viele von der Besatzung für ein böses Vorzeichen hielten: Wir schossen einige Albatrosse. Eine alte Seemannslegende besagt, dass die Albatrosse ertrunkene Seeleute sind und dass man ihnen nichts antun darf! In der Sammlung der Universität Helsinki gab es keinen einzigen Albatros, und von dort kam die Bitte, einige von ihnen zu schießen. Die Offiziere stimmten dem zu. In Montevideo hielt man uns für verrückt, als wir zur Zeit der Winterstürme in Richtung Kapstadt aufbrachen. Wir kamen auch ganz dicht an die Eisberge heran. Als wir in die Nähe von Tristan de Cunha kamen, beschlossen wir, dort anzulegen. Unter den Seeleuten besteht ein ungeschriebenes Gesetz, dass man an der Insel nicht vorbeifahren darf, ohne da anzulegen. Doch das half nicht. Der Matrose Taipale fiel vom Mast und starb. Nun begannen die Gerüchte. Er fiel nämlich genau auf die Stelle, wo er bei einer Aufnahme unter dem geschossenen Albatros gesessen hatte. Einige Tage, bevor wir nach Kapstadt kamen, wurde Sergeant Salokannel krank. Er war beim Schießen der Albatrosse mit beteiligt gewesen. Wir ließen ihn in Kapstadt im Krankenhaus zurück. Einen Tag nach unserem Auslaufen starb er. - Anfangs ging die Fahrt nach Calais gut. Wir liefen 14 Knoten. Dann kam eine Windstille, und wir blieben 59 Tage auf See. Die letzten 10 Tage gab es keine Verpflegung, zuletzt auch kein Wasser mehr. - Wenige Tage vor der Ankunft in Finnland war der Matrose Länsiranta damit beauftragt, die Außenwand des Schiffes zu streichen. Da schwankte das Gestell, auf dem er saß, und er fiel ins Wasser.

Er wurde nie mehr gefunden. Auch er hatte am Schießen der Albatrosse teilgenommen. - Beim Einlaufen in Helsinki flog ein Aufklärungsflugzeug direkt hinter dem Schiff, unter dem Wind. Die Segelfläche war so groß, dass dahinter ein luftleerer Raum entstand und das Flugzeug wie ein Stein ins Meer stürzte. Die Besatzung konnte gerettet werden. Ein Schlepper fing das vom Schiff zugeworfene Tau auf und versuchte, die Fahrt zu bremsen, indem er sich querstellte. Als das Tau sich spannte, riss es den Schlepper mit. Er bekam Schlagseite und begann zu sinken. Ein Teil der Besatzung war schon ins Meer gesprungen. Der Kapitän der "Suomen Joutsen" gab den Befehl, die Taue mit Beilen zu kappen, um so den Schlepper zu retten.

Major Lertola sagt zum Schluss: "Die anderen 7 Fahrten der "Suomen Joutsen" über die Weltmeere waren ohne größere Komplikationen vor sich gegangen. Vielleicht hätte die Universität Helsinki ohne Albatrosse bleiben sollen."

11.8.2002

Horst Ständer

veröffentlicht: 2012-04-10