Turku - gestern und heute

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Turun Linna

(Schloss von Turku, Foto Peter 2011)

Wie bei vielen alten Städten lässt sich auch für Turku kein Gründungsdatum angeben. Die älteste Urkunde, die indirekt auf Turku hinweist, ist ein Brief des Papstes Gregor IX aus dem Jahre 1229. Er lautet wie folgt (übersetzt aus dem Lateinischen):
Bischof Gregor, Knecht der Knechte Gottes, dem ehrwürdigen Bruder, dem Bischof von Linköping, und den geliebten Söhnen des Abtes von Gotland, vom Zisterzienserorden, und dem Probst von Visby aus der Diözese Linköping Gruß und apostolischen Segen. Unser ehrwürdiger Bruder, der Bischof von Finnland, hat uns vorgetragen, dass in der jungen Pflanzstätte des Christentums in jenen Gegenden seine Kathedralskirche an einer weniger geeigneten Stelle errichtet worden sei; daher bat er darum, dass wir befehlen, der Bischofssitz solle an eine passendere Stelle in seiner Diözese verlegt werden, da jetzt bekanntlich mehrere Orte hierfür besser geeignet sind und in denselben Gegenden der katholische Glaube durch Gottes Gnade wächst. Deswegen vertrauen wir Eurer Entscheidungsgewalt auf Grund der apostolischen Schriften an, dass Ihr, nachdem Ihr hierüber genauer die Wahrheit erforscht habt und wenn Ihr gefunden habt, dass die Sache so ist, mittels einer Beratung mit demselben Bischof und seinen Priestern mit unserer Vollmacht denselben Bischofssitz an einen besser geeigneten Ort in derselben Diözese verlegt. Wenn Ihr es nun nicht vermögt, dass alle an diesen Maßnahmen teilnehmen, so sollst Du es, Bruder Bischof, mit einem anderen von ihnen trotzdem durchführen. Ausgefertigt zu Perugia am 10.Tag vor den Kalenden des Februar (23.Januar) im 2. Jahr unseres Pontifikats.
Die Anfänge der finnischen Geschichte, und das bedeutet in erster Linie der Geschichte des Bistums Turku, liegen recht im Dunkel. Ein im 14. Jahrhundert zusammengeschustertes Lied berichtet, der Bauer Lalli habe infolge eines Missverständnisses den auf einer Missionsreise (1. Kreuzzug nach Finnland 1155) befindlichen englischen Bischof Henrik verfolgt und am 19.01.1156 auf dem Eis des Köyliö-Sees mit der Axt erschlagen. Gemäß seiner letzten Weisung an seinen Begleiter wurde er da begraben, wo die den Schlitten ziehenden Zugochsen erschöpft stehenblieben. Das war in Nousiainen, etwa 20 km nördlich von Turku. Henrik wurde als Märtyrer verehrt und bald auch heiliggesprochen. Nach neuerer Auffassung war Lalli (=Lauri = Laurentius) ein Christ und Henrik wurde aus einem anderen Grund erschlagen und in seiner schon bestehenden Bischofskirche in Nousiainen beigesetzt. Weite Teile des heutigen Turku waren damals noch vom Meer bedeckt.
Als Papst Gregor 1229 seinen Brief schrieb, hatte sich am Aura-Fluss ein Handelsplatz (Turku = Markt) gebildet. Dorthin wurde der Bischofssitz verlegt. Dieses Turku lag 1,6 km flussaufwärts, vom jetzigen Dom aus gerechnet. An dieser Stelle, in Koroinen, finden sich noch Reste der alten Kirche. Bis dahin gelangten die kleineren Schiffe. Die großen deutschen Koggen gelangten nicht bis nach Koroinen, sondern nur bis zu dem Flussknick an der Stelle des heutigen Doms. Dort, auf dem Unikankare-Hügel, erbauten sich die deutschen Kaufleute ihre eigene Kirche aus Holz mit einer steinernen Sakristei an ihrem nördlichen Ende. Dies geschah schon in den 50er Jahren des 13.Jahrhunderts.
Als der Dom an seine jetzige Stelle verlegt werden sollte, wurde die Kaufmannskirche abgerissen. Nur ein Teil der Steinmauer der Sakristei blieb erhalten und ist noch heute an der Nordwand der Sakristei zu erkennen. Die neue Kirche maß nur etwa ein Viertel des heutigen Doms. Es handelte sich um eine einschiffige Kirche von 22 mal 35 Metern mit einer kleinen Sakristei. Für die Maurerarbeiten mussten Meister aus Schweden geholt werden, da in Finnland diese Fertigkeit noch nicht vorhanden war. Die Kirche hatte keinen Turm.
Die Einweihung dieses neuen Doms erfolgte am 17.06.1300. Wie schon die Kaufmannskirche war der Dom der Jungfrau Maria geweiht. Einen Tag später erfolgte die Überführung der Gebeine des ersten Bischofs, des Hl. Henrik. Mit dem Bau der Kathedrale, der Festigung der Selbstverwaltung der Stadt mit Bürgermeister und Ratsherren nach Lübecker Recht und der wohlwollenden Herrschaft des Statthalters in der Burg an der Flussmündung waren alle Voraussetzungen für die Entwicklung der Stadt gegeben. Dazu kam das 1249 gegründete Dominikanerkloster, nur wenige hundert Meter flussabwärts. Das Kopfsteinpflaster der Verbindungsstraße zwischen Stadt und Kloster ist noch erhalten. Die Klosterschule bildete zusammen mit der Kathedralschule (ab 1276) über Jahrhunderte die einzige Bildungsanstalt des Landes. Ein Dokument aus dem Jahre 1309 bezeichnet Aboa (Åbo = Turku) als "civitas" (Stadt) mit einem stilisierten A und vier Lilien als Wappen - wie heute.
Die evangelisch-lutherische Kirche Finnlands sah die Einweihung des Doms vor 700 Jahren zu Recht als so bedeutsam an, dass sie dieses Jahr zum Jubeljahr erklärte. Aus diesem Anlass gab auch die finnische Post ein Heft mit vier geschmackvollen Marken heraus: Innenansicht des Doms, eine andächtige Frau beim Entzünden von Kerzen, das Altargemälde und die Taufe eines Kindes. Der Begleittext lautet wie folgt: Jubeljahr 2000 - Jahr der Hoffnung
Die in Finnland tätigen christlichen Kirchen und Gemeinschaften feiern die Jahrhundertwende als ein Jubeljahr. Zweitausend Jahre sind vergangen seit der Geburt Christi, dem Anfang unserer Zeitrechnung. Es ist das Ziel des Jubeljahres, das Jahr 2000 zu einem Jahr der Hoffnung für alle hier Wohnenden zu machen.
Die Veranstaltungen zum Festjahr begannen schon recht früh. Ende April, also noch während des Schuljahres, konnten die Klassen 1 - 6 der Schulen von Turku und der Nachbargemeinde Kaarina, insgesamt 11.000 Schüler, bei der Besichtigung des Doms unter Leitung ihrer Lehrer eine Reihe von Personen, die im Dom begraben sind, treffen und wohl auch mit ihnen sprechen. Da sahen sie die einzige in Finnland begrabene Königin, Karin Mänsdotter (Kaarina Maununtytär, 1550 - 1612). Sie erzählte ihnen von ihrem Leben und lehrte sie höfische Sitten und Begrüßungsformen. Der General des 30-jährigen Krieges, Torsten Ståhlhandske (1594 - 1644) zeigte, wie schwer sein Harnisch war. Er starb beim Kampf um Århus, nachdem er vorher die Bibliothek geplündert hatte, schämte sich dessen aber nicht, da diese Bücher den Grundstock der gerade (1640) gegründeten Universität bildeten. Die Schüler trafen noch einen weiteren Feldherrn, Evert Horn (1585- 1615) und andere.
Gut eine Woche vor den eigentlichen Feierlichkeiten begannen zwei Pilgerzüge, die dann am 17. Juni in Turku eintrafen. Der eine, der Zug des Heiligen Henrik, hatte schon eine lange Tradition. Schon in den 50-er Jahren hatten die (wenigen) Katholiken Finnlands eine Wallfahrt bis nach Köyliö durchgeführt. Seit 1983 wird diese als ökumenische Veranstaltung begangen. In diesem Jahr begann der einwöchige Zug in dem Missionsgebiet des Bischofs Henrik in Kokemäki und bewegte sich in Etappen über Köyliö bis nach Turku. An dem ganzen Zug nahmen etwa 40 Personen teil, doch den einzelnen Etappen schlossen sich bedeutend mehr Menschen an, auch Ausländer. Schutzherren der Veranstaltung sind der Erzbischof der lutherischen Kirche, Jukka Paarma, und der Erzbischof der orthodoxen Kirche, Johannes. Zu gleicher Zeit war auch ein zweiter Pilgerzug, der des Hl. Jakob, auf dem "Ochsenpfad von Häme" auf dem Weg nach Turku. Wie ich auf einem Bild sehe, schritten sie unter Leitung eines das Kreuz tragenden Geistlichen während der Festveranstaltung in den Dom.
Die eigentlichen Feierlichkeiten begannen am 15.06. mit einem zweitägigen Symposium zum Thema "Zukunft und Hoffnung." Einen wichtigen Beitrag zur Thematik lieferte die langjährige Präsidentin von Island, Vigdis Finnbogadottir. Sie sagte z.B.: "Inmitten des ganzen Wettbewerbsdenkens und der neuen Technologie müssen wir immer daran denken zu fragen, wer die Verantwortung trägt.  Wer ist dafür verantwortlich, dass in gewissen Teilen der Welt kein Wasser vorhanden ist, oder wer ist z.B. dafür verantwortlich, was alles in das Internet hineingefüttert wird? Wir sind es." Die erste Sitzung fand im Dom statt; danach wurde das Thema in mehreren Hörsälen der verschiedenen Universitäten in etwa 30 Beiträgen behandelt.
Am späten Nachmittag des 16.06. versammelten sich die Festteilnehmer und andere Interessierte unter Leitung des ehemaligen Erzbischofs John Vikström an der Stelle des früheren Doms in Koroinen zu einer musikalischen Andacht.
Am Abend desselben Tages fand auf dem Domplatz ein vaterländischer Feldgottesdienst der in Turku stationierten Soldaten unter Leitung des Feldbischofs Hannu Niskanen statt; die Bevölkerung beteiligt sich dabei lebhaft.
Die Veranstaltungen an den eigentlichen Festtagen, dem 17. und 18. Juni waren nicht mit Reden oder Predigten überladen, sondern wollten auf anschauliche Weise die Entwicklung der Kirche in ihrer Zeit darstellen. Dazu gehörte auch die Verbindung mit Schweden. Finnland war vom Anfang seiner Geschichte bis 1809 ein gleichberechtigter Teil des schwedischen Reiches, und mit dem Beschluss des Reichstages von Västerås 1527 unter Leitung des Königs Gustav Vasa wurden die Grundlagen für die evangelisch-lutherische Kirche in Finnland-Schweden gelegt. So wurden auch König Carl XVI Gustav und seine Frau, Königin Silvia, als Ehrengäste eingeladen, ebenso der ehemalige Präsident Mauno Koivisto und seine Frau Tellervo. Sie versammelten sich in dem kirchlichen Verwaltungsgebäude auf der anderen Flussseite und gingen dann zusammen mit Präsidentin Tarja Halonen und ihrem Lebensgefährten Pentti Arajärvi über die Dombrücke zum Dom.
Vor den im Dom versammelten geladenen Gästen wurde unter dem Titel "Die Wohnung des Herrn" ein Kirchenschauspiel in sechs Teilen aufgeführt. Die kurzen Episoden schildern die finnische Kirche in der Geschichte: Bischof Henrik, der Baumeister Petrus, Mikael Agricola (der finnische Reformator), die Kirche der Soldaten und Frauen, die Trauernden und Bedrückten, das Lied von Glaube und Hoffnung. Dazu erklang der Situation angepasste Musik.
Während die genannten drei Paare sich zur Sommerresidenz des Präsidenten nach Naantali, 15 km von Turku, begaben, fand auf dem Domplatz in Form einer Kavalkade ein historischer Überblick über die Geschichte der christlichen Kirche in Finnland statt. Die 3.000 Menschen fassende Tribüne auf dem Platz war voll besetzt, daneben standen noch viele weitere Zuschauer. Mehr als eine Stunde lang zogen, von Musik begleitet, immer neue Gruppen über den Platz und stellten die Taten dar, durch die sie in der Geschichte bekannt wurden. Da war wieder der Hl. Henrik in seinem ganzen bischöflichen Ornat, ebenso Gustav Vasa und der finnische Reformator Mikael Agricola, König Erik XIV sowie viele andere. Die ganze Umgebung des Doms war für den Verkehr gesperrt. Da auch kein Regen kam, machte die Veranstaltung großen Eindruck auf alle Anwesenden und die Fernsehzuschauer im ganzen Land.
Auch der Abend war geteilt. Die Stadt Turku hatte 150 Gäste zu einem Festessen in die alte Burg eingeladen. Zu gleicher Zeit fand auf dem Aura-Fluss vor dem Dom eine afrikanische Gospelmesse statt. In der Mitte des Flusses war eine Ponton-Plattform verankert. Als der noch junge Bischof von Turku, Ilkka Kantola, mit den anderen Beteiligten in einem hölzernen Kirchenboot angerudert kam, konnte die Messe beginnen. Am Ufer standen viele Tausende Jugendliche und auch Ältere und stimmten in die Gesänge mit ein.

Aura-Joki

(Aura-Fluss mit Dom im Hintergrund, Foto Peter 2011)

Am letzten Tag, am Sonntag, predigte Erzbischof Jukka Paarma in einem Festgottesdienst im Dom. In der Michaelskirche dagegen predigte in einem ökumenischen Gottesdienst der Bischof der Lutherischen Kirche von Jerusalem, Munib Younan. Unter seinen Zuhörern befand sich auch der geistliche Führer der Schiiten im Südlibanon, Imam Ali El-Amine. Er war sowohl Munib Younan als auch Erzbischof Jukka Paarma (diesem bei seinem Besuch in Damaskus) begegnet. Jetzt kam er als Gast des im Libanon stationierten finnischen Bataillons der UN-Friedenstruppe, um aus Anlass des Jubeljahres der finnischen evangelisch-lutherischen Kirche und dem ganzen Volk seine Glückwünsche auszusprechen.
Den Abschluss bildete am Nachmittag, wiederum auf dem Domplatz, eine symbolhafte Darstellung. Hauptsächlich Kinder und Jugendliche bauten das "Schiff der Hoffnung". Der Bau beinhaltete Tanz, Musik, Drama und Gebet. Das Schiff symbolisiert das ökumenische Kirchenschiff, dessen Reisende Mitglieder aller Kirchen sind. Während des Baus wurden Gebete in verschiedenen Sprachen gesprochen. Neben Vertretern der orthodoxen und katholischen Kirche betraten auch der Bischof der lutherischen Kirche von Namibia und der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Ischmael Noko aus Zimbabwe, das Schiff. In seiner Ansprache erinnerte Noko daran, dass die Mitreisenden des Schiffs der Hoffnung einen sehr unterschiedlichen Hintergrund und sehr verschiedene Lebenserfahrungen mit sich bringen. Die Reise ist nicht ohne Risiko, doch das Schiff segelt der Zukunft entgegen, einer Zeit, in der die Würde und der Wert des Menschen nicht auf Gewohnheiten, dem Beruf oder der gesellschaftlichen Stellung beruhen, sondern auf dem Wert und der Würde, die Gott dem Menschen geschenkt hat.
Es war für mich ein etwas gewagtes Unternehmen, diesen Bericht zu schreiben. Während der Zeit der Festlichkeiten waren wir auf Reisen in Deutschland. Ich habe es trotzdem gewagt. Meine Unterlagen waren die ausführlichen Berichte in den Zeitungen, in erster Linie in der Turkuer Zeitung, Turun Sanomat. Der am Anfang zitierte Text findet sich in dem Werk "Registrum Ecclesiae Aboensis eller Åbo Domkyrkas Svartbok", einer ausgezeichneten kommentierten Dokumentensammlung. Eine Voraussetzung ist meiner Meinung nach auch die, dass ich schon seit langer Zeit in Turku lebe, die Augen offenhalte und mit vielen der genannten Örtlichkeiten und Personen recht gut vertraut bin.

(Text: Juli 2000, veröffentlicht: 2012-01-02)