Vappu

Vappu - Walpurgisnacht in Finnland

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Hinter dem Wort "vappu" verbirgt sich eine Fülle von Geschehnissen, die man nur verstehen kann, wenn man in einer finnischen Universitätsstadt lebt. Das Wort als solches ist die finnische Form von Walburga/Walpurgis. Der Tag dieser Heiligen aus dem 8. Jahrhundert liegt auf dem 1. Mai, doch wäre es unvollständig, wenn man das Wort mit "Maifeiertag" übersetzen wollte. Vappu ist viel mehr, es ist ein Studentenfest, ein politisches Fest, ein Volksfest. Ich will im Folgenden versuchen, das Fest so darzustellen, wie ich es in Turku Jahr für Jahr erlebe.

Für die Studenten beginnt vappu am Vorabend des 1. Mai, also am 30. April um 18 Uhr. Die schwedischsprachigen Studenten versammeln sich auf dem ganz in der Nähe unserer Wohnung befindlichen Observatoriumsberg, um den Frühling zu begrüßen. Schon lange vor dem Zeitpunkt sehen wir, wie die Studenten in Massen zu dem Berg strömen; wir folgen ihnen. Wenig unterhalb des von Carl Ludwig Engel erbauten Observatoriums und beim Sommertheater liegt ein für Freiluftveranstaltungen geschaffener Platz. Dort stand schon der Brahe-Däknar-Chor bereit, flankiert von Studenten der schwedischsprachigen Universität in Turku, der Åbo Akademi, mit der finnischen Fahne und den Fahnen der Landsmannschaften. Vor ihnen und um sie herum standen Hunderte von Studenten. Student (ylioppilas) nennt sich in Finnland jeder, der das Abitur bestanden hat. Bei der Entlassungsfeier erhält er eine weiße (selbstgekaufte) Studentenmütze. Nach einem ersten schwedischen Frühlingslied trat ein Student hervor und sagte: "Studenter, vären är här. Sätta pä mösserna!" (Studenten, der Frühling ist da. Setzt die Mützen auf!). Darauf setzen alle, auch wenn es schneit, ihre Mützen auf, auch ich. Zwar habe ich kein finnisches Abitur, wohl aber ein finnisches Universitätsexamen. Kirsti gab mir die Mütze ihrer Mutter. Sie ist schon recht vergilbt, ein Zeichen der Ehre. Auch sonst waren neben den vielen jungen Studenten, oft mit ihren kleinen Kindern, auch ältere Semester mit grauem Haar vertreten. Viele der jungen Studenten hatten Flaschen mit Schaumwein mitgebracht und tranken aus Plastikkelchen. Es herrschte schon eine karnevalsartige Stimmung. Nur manchmal wurde es ruhiger, einmal bei einem Choral, bei dem alle ihre Kopfbedeckung abnahmen, und zum anderen bei einem Lied an die Schöne; dabei nimmt immer ein Chormitglied sein kleines Töchterchen auf den Arm. Es wird auch immer eine kleine politische Rede gehalten, doch hört bei der keiner zu. Jedes Mal tritt auch die von Studenten gebildete Axel-Band auf und bläst völlig unerwartet ihr Stück. Dieses störende Element gibt es seit einigen Jahren. Doch gegenüber den früheren Feiern, etwa vor 30 Jahren, hat sich noch etwas geändert. Ich erinnere mich noch, wie damals alle in der besten Kleidung auftraten, die Mädchen in neuen Frühlingskleidern, die Jungen in schicken Anzügen. Nach der Feier gingen sie ja gleich ins Restaurant oder zum Tanz. Jetzt waren nur noch wenige so gekleidet. Die meisten hatten Overalls. Diese Sitte kam von den technischen Studenten und breitete sich bald bei allen Fachschaften aus. Jede hat Overalls in anderen Farben. Sie sind mit allerlei Reklamen übersät, fast wie die Anzüge der Formula-1-Rennfahrer. Nur selten kann man auf den ersten Blick lesen, wo einer hingehört, z.B. LEX bei den Jurastudenten. Noch eins: Noch um 1960 trugen die Studenten ihre weiße Mütze während des ganzen Sommers, jetzt nur an diesen Tagen vom Vorabend bis zum Abend des 1. Mai.

Nach einer knappen halben Stunde ist das Konzert vorbei, und man zieht zum Flussufer herab und versammelt sich vor der von Alvar Aalto geschaffenen Lilja-Statue. Gleichzeitig kommen von der anderen Seite die finnischen Studenten, die auf der Straße vor dem Kunstmuseum den Frühling empfangen haben. Es sind viele Tausende. Um 19 Uhr beginnen hier die Feierlichkeiten. Es werden wieder Reden gehalten, nicht nur an die Studenten, sondern auch an Lilja, und dann wird ihr unter großem Beifall und Geschrei auch eine entsprechend große weiße Mütze aufgesetzt. Das Fest hat begonnen. Dasselbe geschieht in Helsinki und in anderen Universitätsstädten. In Helsinki erhält die Havis Amanda am Hafen die Mütze; sie aber erhebt sich inmitten eines Springbrunnens und ist nur über eine Wasserrinne zu erreichen. In Oulu werden die Studenten der 1. Semester ins kalte Wasser geworfen.

Havis Amanda in Helsinki

Havis Amanda, Foto: Peter 2003

Wir versuchten, uns über die Aura-Brücke und Straße zum Markt durchzukämpfen. Es war fast unmöglich; so sehr war die Straße voller Menschen. Endlich kamen wir ans Ziel. Der große Marktplatz war zum Kaufparadies für Kinder (oder deren Eltern) geworden. An den verschiedenen Ständen gab es falsche Nasen, Masken, Papierhüte, Tuten, Luftschlangen, Rasseln usw., an anderen ofenfrische Lakritze, Zuckerwatte, Bonbons, frische Waffeln und andere Süßigkeiten, Stände zum Büchsenwerfen und ähnlichen Zeitvertreib, doch dazwischen standen Verkäufer mit Luftballons, heutzutage oft in Folie. Da der Erlös dieser Luftballons an die Kriegsinvaliden geht, sind sie recht teuer. Wir fragten ein Ehepaar, was der Ballon für ihre kleine Tochter gekostet hatte: 10 Euro. An einer Ecke des Platzes war auch ein Kinderkarussell aufgebaut. Am anderen Ende des Platzes spielte auf einer Autoplattform eine Kapelle. Vorher hatten dort schon Vertreter verschiedener bürgerlicher Parteien ihre Maireden gehalten.

Hier sah man nicht viele Studenten. Sie und auch viele andere saßen in Restaurants oder vergnügten sich in Tanzlokalen. Auch die auf der Aura liegenden Restaurantschiffe mit offenem Deck waren bis auf den letzten Platz besetzt. Wieder andere tranken auf der Straße Bier oder Stärkeres. Es kam zu Schlägereien, so dass die Polizei viel zu tun hatte.

Am 1. Mai sangen verschiedene Chöre Frühlingslieder, so z.B. vor dem Kunstmuseum und in der Fußgängerzone sowie vor dem Dom. Wir wollten uns diesmal etwas anderes ansehen. Die Studentenverbände luden nämlich zum Picknick auf dem Observatoriumsberg ein. Diese Sitte wurde zuerst in Helsinki eingeführt, dort auf dem umfangreichen Ullanlinna-Gelände. Als wir den Hügel hinaufgingen, bot sich uns ein sehr friedliches Bild. Überall lagerten Gruppen, jetzt fast alle in schönen Frühlingskleidern. Viele hatten Klappstühle und -tische mitgebracht, andere lagerten aber auch auf Decken und Kissen. Sie aßen Würste und Batons, oft auch Kartoffelsalat oder auch Kuchen und tranken dazu Schaumwein. Es waren nicht nur noch im Studium stehende Studenten, sondern auch ältere Herrschaften. An einer Stelle, etwa da, wo am Vorabend die Lieder erklungen waren, traten nacheinander mehrere Instrumental- und Chorgruppen auf; alles war sehr zivilisiert. An einer Stelle wurden mit einer Gasflasche Luftballons gefüllt und an Interessenten ausgegeben. Die Ballons trugen die Inschrift “www.poutapilvi.com“. Erst später fand ich heraus, dass es sich um eine Internet-Dienstleistungsfirma handelte. Wir bekamen jedenfalls schöne Ballons. Neben mir stand eine junge Frau und sagte: "Ich habe drei Kinder", also erhielt sie drei Ballons. Am nächsten Tag wurde die beste Picknick-Gruppe genannt, also die Gruppe mit der schönsten Aufstellung. Sie hatten sogar eine Tischdecke und Blumen auf ihrem Tisch. Das Picknick dauerte von 10 bis 17 Uhr, wobei die meisten schon gleich zu Beginn kamen und zur Mittagszeit wieder gingen.

Viel zum Gelingen trug das Wetter bei. Während es am Vormittag des 30. April noch etwas regnete, kam am Nachmittag die Sonne hervor und schien auch am ganzen 1. Mai vom strahlend blauen Himmel; kein Wölkchen war zu sehen. Sogar im Schatten wurde eine Temperatur von 20 Grad erreicht.

Zu gleicher Zeit fanden Umzüge der Linksparteien statt, doch sah ich diesmal nichts-davon. Für mich ist immer beeindruckend, dass vor dem Fahnenblock mit roten Fahnen stets die finnische Fahne getragen wird. Finnland geht über alle Parteiengrenzen.

Am Nachmittag des 1.Mai gab das Turkuer Stadtorchester ein kurzes Maikonzert mit leichter Musik. Dabei erscheinen die Musiker nicht im Frack oder in schwarzen Kleidern, sondern tragen leichte, farbenfrohe Kleidung. An ihren Stühlen haben sie Ballons befestigt, doch auch viele Zuhörer haben Luftballons mit sich.

Wir gingen noch einmal über den Markt und dann zum Kupittaa-Park und dem anschließenden Autokontrollgelände. Dort hatte nämlich der Zirkus Sariola seine Zelte aufgeschlagen. Zwar gehört dies nicht direkt zum Maiprogramm, doch kann man es schon zur Turkuer Tradition rechnen. Diesmal waren mehr Schausteller vertreten als je zuvor. In Städten mit festen Vergnügungsparks wie Helsinki (Linnanmäki) und Tampere (Särkänniemi) werden diese auch kurz vor dem 1. Mai geöffnet. In Helsinki muss besonders Eintritt gezahlt werden. In Turku ist das während der knappen Woche der Tätigkeit nicht der Fall, doch denke ich, dass sowohl die Schausteller als auch die Stadt Turku auf ihre Kosten kamen. Infolge des schönen Wetters strömten die Menschen in Massen dahin. Da gab es Karussells und Riesenräder jeder Art, elektrische und batteriegetriebene Autos, Schießstände (nicht mit Patronen, sondern elektronisch), Preisfischen, Katapulte und Ballwurfstände, und wenn auch jedem Teilnehmer ein Preis versprochen wurde, so war der doch so gering, dass die Teilnahme immer ein Verlust wurde. Daneben gab es dasselbe Angebot an Waren wie auf dem Markt. Man konnte auch Kaffee trinken oder einiges essen. Auch eine Geisterbahn und ein Zelt mit sensationsmäßig angepriesenen seltenen Tieren durften nicht fehlen. Uns interessierten in erste Linie die Menschen und die Art, wie sie sich verhielten. Es waren auffällig viele Muslimfamilien gekommen, die Frauen und sogar schon kleinen Mädchen mit ganz wenigen Ausnahmen mit Kopftuch. Größere Mädchen bezahlten und benutzten allein das Riesenrad, doch sahen wir auch, wie ein Vater für vier Jungen die Billets für die Berg- und Talbahn bezahlte und dann erst nach dem lautstarken Protest seiner Mutter auch für seine kleine Tochter eine Karte für ein Kinderkarussell kaufte. In der Regel kostete eine Karte 2,50 Euro. Die Atmosphäre war ruhig, so dass die Ordner nicht in Aktion zu treten brauchten.

Tippaleipä

Tippaleipä, Foto: Wikipedia

Es ist unmöglich, alle Angebote aufzuzählen. Vappu ist eben ein wahres Volksfest, dem sich keiner ausschließen kann. Auch in der Kirche wurden Frühlingslieder gesungen, und z.B. der NMKY(YMCA-) Chor lud zu einer Matinee mit Gesang und dem traditionellen Essen ein: sima und tippaleipä. Sima ("Met") kann man auch selbst herstellen. Dazu nimmt man Wasser, Farinazucker, Hefe, Pomeranzenschale, eine abgeriebene Zitrone sowie Hopfen und lässt es in einer Flasche gären. Wenn die hineingegebenen Rosinen oben schwimmen, ist das Getränk gut. Bei der Herstellung von tippaleipä ("Tropfbrot") lässt man einen mit vielen Eiern hergestellten Hefeteig durch ein großes Lochsieb in siedendes Kokosfett tropfen. Der Teig wird sofort hart und verschlingt sich spaghettiartig zu etwa 8-10 cm breiten Häufchen. Es wird noch Puderzucker darauf gestreut, und das Gebäck ist zum Essen fertig. Im Volksmund nennt man tippaleipä "Gruppensex der Regenwürmer."

In Turku kam noch ein Ereignis hinzu: die Parade der Pfadfinder. Früher marschierten sie immer an dem auf den 23. April (Tag des Heiligen Georgs, des Schutzpatrons der Pfadfinder) folgenden Sonntag, doch wurde es dann in der Hoffnung auf besseres Wetter auf den ersten Sonntag im Mai verlegt. In der Tat ist in Turku kein Eis und Schnee mehr zu finden, doch regnete es gerade an diesem Sonntag recht stark. Schon lange hatten wir die Marschübungen der ganz in der Nähe gelegenen Pfadfindereinheit gehört, wie sie mit großen und kleinen Trommeln den Marschtritt übten. Als wir sie am Sonntag um 13 Uhr auf dem Weg zum Appell vor dem Dom marschieren sahen, hatten alle mit Ausnahme der Führer Regenhäute angelegt. Zum Glück klarte es dann auf, so dass zu Beginn des Appells um 14 Uhr wieder die Sonne schien. Wir sahen diesmal den Vorbeimarsch nicht, doch muss es ein großes Ereignis gewesen sein; denn es kamen 4500 Pfadfinder aus der ganzen Provinz. " Die Pfadfinderbewegung ist in Finnland recht stark und aktiv tätig. Als junge Lehrerin marschierte Kirsti auch vor den Schülern ihrer Schule und trug die Fahne. Viele Erwachsene ehren auch heute noch die Fahne. Männer nehmen die Kopfbedeckung ab, wenn die Pfadfinder mit der finnischen Fahne an ihnen vorbeiziehen. Am folgenden Tag fand sich in Turun Sanomat (Turkuer Zeitung) ein Bild mit zwei älteren Herren, von denen der eine schon an 40, der andere gar an 50 Paraden teilgenommen hatte. Stolz tragen sie noch immer die Uniform.

Vappu ist nun vorbei. Mir schien, ich müsste es einmal ausführlicher beschreiben, wenn ich höre, wie es sonst in der Welt entweder zu stark politisiert ist oder den Anlass zu Krawallen gibt."Hauskaa vappua“ (finnisch) oder "Glara vappen" (schwedisch) bedeutet hier mehr als nur "Froher Walpurgistag".

9.5.2002

Horst Ständer

veröffentlicht: 2012-04-11