Auf nach Helsinki

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Fliegen nach Helsinki? – das kann jeder!

Am 27. Februar 2012 sollten unsere drei Monate Finnland starten. Da ich schon eine Woche vorher Urlaub hatte und aus verschiedenen Gründen in Österreich kein Zuhause mehr (mein Haus soeben verkauft und die neue Wohnung noch nicht bezugsfertig) entschloss ich mich ganz spontan, mich einige Tage früher auf die Reise zu machen. Ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich da eingelassen hatte, machte ich mich am Mittwoch um 08:00 Uhr morgens auf den Weg mit dem Ziel, in Rostock die Fähre nach Dänemark zu nehmen. Doch in Rostock angekommen herrschten schlechte Wetterbedingungen und ein Wind, der mir die Angst in die Glieder trieb beim Gedanken, jetzt gleich die Überfahrt zu wagen. Die Entscheidung wurde mir abgenommen, die Abendfähren wurden vorerst gestrichen. Ich war aber so in Fahrt, dass ich nicht warten wollte, also rein ins Auto und weiter nordwärts auf der Landroute nach Skandinavien. 14 Stunden und 1.600 km nach meiner Abfahrt war ich bereits in Malmö, wo ich erstmal mein Nachtlager aufschlug und wie tot ins Hotelbett fiel.

Erst am nächsten Morgen beim Frühstück ließ ich vor meinem geistigen Auge die bisherige Reiseetappe Revue passieren. Noch nie im hohen Norden gewesen, hatten mich besonders die Brücke über den Großen Belt und dann natürlich die absolut spektakuläre Öresundbrücke beeindruckt. Nächstes Zwischenziel war Stockholm und von dort mit der Fähre nach Turku. Aber auch hier machte mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Die Fähre fuhr zwar, ich aber konnte mich nicht überwinden und mich der hohen See anvertrauen. Im Kopf überschlug ich meinen gesamten Reiseweg und dachte mir: „Gut, die Hälfte hast du schon zurückgelegt und bist erst 1,5 Tage unterwegs. Die Straßen sind bestens ausgebaut und Schnee nirgends in Sichtweite. Mein Auto ist schließlich ein Volvo, im Gegensatz zu mir also ein echter Skandinavier. Also nichts wie los und weiter in den Norden. Außerdem ist es hier 19° wärmer als zu Hause im kalten Österreich“. Was sollte mich also aufhalten?

Elchschild

Bereits 100 km nach Stockholm beginne ich, meine Entscheidung, auch den Rest der Reise auf dem Landweg zurückzulegen, anzuzweifeln. Die Landschaft verändert sich, die Temperaturen sinken mit jedem Kilometer, den ich weiterfahre. Um mich mental auf der eintönigen Straße fit zu halten, zähle ich die Volvos, die mir entgegenkommen. Daheim ist mein Auto ein wahrer Exot, hier oben, ist fast jedes zweite Auto ein Schwede. Immer häufiger werden die Elchwarnschilder neben der Straße, trotzdem fühle ich mich noch sicher auf den schwedischen Richtungsfahrbahnen, auf denen man auf den dafür vorgesehen Stellen gefahrlos überholen kann. Warum gibt es so ein System nicht auch bei uns? Ich bin sicher, das würde die Zahl der Unfälle drastisch minimieren.

Oh, es gibt doch Schnee in Schweden, auch wenn die Straßen noch frei sind – noch! Die Temperatur sinkt weiter und damit auch mein Fahrtempo. Ich habe Angst, dass ich plötzlich Eis unter meinem Gummi habe, was tatsächlich kurze Zeit später passiert. Das Fahren wird zunehmend anstrengender. Ich habe zwar gute Winterreifen, aber mit Spikes, wie hier oben üblich, bin ich natürlich nicht ausgestattet, sind in Österreich ja auch verboten. Im Kopf überschlage ich die Kilometer, die noch vor mir liegen. Wird es noch schlimmer werden? Werden die Straßen in Lappland noch schlechter befahrbar? Ich lasse mich nicht beirren, fahre zügig, aber vorsichtig weiter und weiter. Doch als die Dämmerung hereinbricht, traue ich mich nicht mehr und so hat mich der Zufall zu einem der wahrscheinlich schönsten Fleckchen auf dieser Strecke geführt. Ich bin in Höga Kusten und mein Hotel liegt direkt am Ende der beeindruckenden Högakustenbron, mit 1,8 km eine der längsten Hängebrücken weltweit. Nach dem Abendessen gehe ich hinaus in die kalte Winterlandschaft und verweile einige Zeit am Fuße der Brücke, über die jetzt in der Nacht nur wenige Autos fahren.

Früh am nächsten Morgen geht´s weiter, mittlerweile ist es Freitag und bin schon ganze zwei Tage und insgesamt 25 Stunden auf der Straße. Was wird mich heute erwarten? Ca. 500 km muss ich noch weiter nordwärts. Wie wird´s da oben aussehen? Dunkelheit mitten am Tag? Straßen unter meterdicken Eis- und Schneeschichten begraben? Ich will lieber nicht zu genau nachdenken, setze mich ins Auto und fahre einfach los. Und zum Nachdenken wird an diesem Tag auch keine Zeit bleiben, das Fahren ist anstrengend und erfordert höchste Konzentration. Immer wieder ist Eis auf den Straßen, die Mitte der Fahrbahn ist meist tadellos befahrbar, doch wehe, man gerät zu weit an den Straßenrand. Immerhin komme ich aber noch mit ca. 60 – 70 km/h voran, mache also noch Strecke und bin deshalb zufrieden. Außerdem vertraue ich meinen Fahrkünsten und weiß, dass ich mich und meine Kräfte gut einschätzen kann.

Endlich erreiche ich um 15 Uhr die finnische Grenze mit der Doppelstadt Haparanda / Tornio. Es dämmert bereits. ich mache eine kleine Pause im städtischen Einkaufszentrum und will danach noch einige Kilometer abspulen. Schließlich ist die Autobahnauffahrt schon angeschrieben. Ich fahre auf die Perämerentie, die nördlichste Autobahn der Welt. Die Freude hält allerdings nicht lange, denn sie ist nur einige Kilometer lang und keine 10 min später muss ich leider schon wieder runter. Naja, ein bisschen kann ich schon noch.

Ich überlege kurz, ob ich in Oulu meinen Nachtstopp einlegen soll, überlege es mir dann aber anders und fahre weiter. Entlang der E4 in Schweden habe ich unzählige Motels gesehen, wird wohl auf dieser Seite des Bottnischen Meerbusens nicht anders sein. Wenn ich mich da mal nicht verplant habe.

Mittlerweile ist es stockdunkel geworden, die Richtungsfahrbahnen sind auch verschwunden und Schneefall setzt ein. Bald merke ich, dass Nacht in Finnland bei Schneefall nicht mit Nacht in Österreich zu vergleichen ist. Und mir wird auch klar, warum die Leute hier oben alle Riesenscheinwerfer auf ihren Autos haben. Mit meinem „läppischen“ (oh, ein Wortspiel?) Autolicht kann ich kaum mehr als einige Meter vor meinem Auto erkennen, den Straßenrand damit schon gar nicht ausleuchten. Plötzlich kriecht die Angst in mir hoch. Es ist kaum noch Verkehr auf den Straßen, weit und breit kein Hotel oder etwas Ähnliches in Sicht und alle Ortschaften, die ich in meiner Verzweiflung durchfahre, bestehen nur aus 3 Häusern, einer Schule und einer Tankstelle, natürlich geschlossen.

Als endlich bunte Reklameschilder aus dem Dunkel auftauchen, fahre ich ran. Ein Hesburger-Imbiss. Drinnen frage ich das Fräulein an der Theke nach einer Empfehlung für die Nacht und werde das erste Mal mit finnischer Hilfsbereitschaft konfrontiert. Die junge Dame schnappte sich kurzerhand ihr Handy und rief in der einzigen Pension, die sie in der Nähe kannte, an. Leider ausgebucht. die nächste Stadt meinte sie, wäre mindestens 70 km weit weg. Eine für mich und meinen Zustand zu diesem Zeitpunkt unüberwindliche Strecke. Eine Dame, die als Gast im Imbiss saß, mischte sich ein und schnell hatte auch sie mit ihrem Handy einige Adressen parat, die sie sofort für mich anrief. Doch leider, ausgebucht oder geschlossen, da war nichts zu machen. Eine Adresse hatte sie noch für mich, doch leider meldete sich dort niemand am Telefon. Dort solle ich es versuchen.

Eine halbe Stunde später hatte ich ein Zimmer, in einer kleinen Pension mitten im Wald, dort wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Da lag so ein Friede über dem Haus mit seinen zahlreichen Nebengebäuden, dass ich mich auch mit der finnischen Dunkelheit wieder ausgesöhnt habe, als ich jetzt von meiner kleinen Terrasse in den schwarzen Winterhimmel schaue. Wo das schöne Fleckchen sich befindet? Ich kann es euch nicht mehr sagen, ich bin in einem Ort mit drei Häusern, einer Schule und einer Tankstelle links abgebogen und 3 km auf einem einsamen Weg immer weiter in den Wald hinein gefahren.

Es ist Samstag und ich erwache voller Vorfreude. Heute ist der Tag, der Tag, an dem ich Helsinki erreichen werde. Nur noch ca. 550 km!

veröffentlicht 2013-01-05