in Helsinki

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Helsinki im Winter

Vier Landeier aus den österreichischen Bergen in der Hauptstadt der Finnen

„Helsinki – Helsingfors“ steht völlig unspektakulär auf dem „Ortsschild“. Ich bin angekommen. Nach meiner 4.100 km langen Wahnsinnsfahrt bin ich endlich am Ziel. Noch sehe ich nur Eis und Schnee rundherum und für uns verwöhnte Österreicher unbegehbare, da weder geräumte, noch gestreute oder gesalzene Gehsteige. Da, wo unsereins im Sicherheitshandinhandmodus übers Glatteis schlittert, stolzieren die Helsinkerinnen mit High Heels catwalkgleich durch die Stadt – blaue Zehen inklusive. „Hoffentlich ist die Wohnung wie es die Fotos versprechen“, denke ich und „das Beste, was mich jetzt noch erwarten könnte, wäre eine eigene Sauna“. Kein Vertrag musste schließlich unterschrieben werden, keine Vorauszahlung geleistet, nichts. Der nette Herr überließ uns, einer wildfremden Familie aus Österreich, seine Eigentumswohnung, während er selbst mittlerweile in St. Petersburg lebte. Die Schlüssel zum neuen Reich sollte ich in einem nahe gelegenen Kioski abholen. Vertrauensvorschuss, den man im heimischen Mitteleuropa nicht gewohnt ist.

Ein bisschen Aufregung machte sich breit, als ich endlich in den Parkplatz, der zur Wohnsiedlung gehörte, einfuhr. „Hey, so umweltfreundlich die Finnen, fahren alle Elektroautos, oder was waren das für komische Kästchen, an die sie ihre Autos mittels Kabel angeschlossen hatten?“

Ich steck meinen Schlüssel ins Haustürschloss. Mist, der passt nicht. Und nun? Nochmal rein und hin und her gedreht, da springt das Schloss endlich auf. „Ok, die haben das da falsch montiert, Hauptsache ich bin da.“ Auch das Schloss an der Wohnung ist falsch montiert, die Wohnung selbst ist aber noch besser als auf den Bildern und die beste Überraschung entdecke ich, als ich von unserem Wintergarten im 2. Stock hinaus blicke. Eine große ebene Fläche aus Eis und Schnee tut sich unter unserem Fenster auf. Hätte ich finnisch gekonnt, hätte ich das schon früher gecheckt, dass „Hiertoniemenranta“ Hertoniemi am Strand bedeutet. Nach dem Wintergarten führte mich die Wohnungsbesichtigung ins Badezimmer. Klein und einfach, aber was versteckte sich da hinten? Eine weitere Tür? Da war sie: unsere eigene Sauna, wie herrlich! So kam es, dass ich eine Stunde nach meiner Ankunft in Finnland bereits das typischst Finnische überhaupt tat, ich setzte mich in die Sauna und ließ den ganzen Stress der Reise hinter mir und aus mir raus.

Vier Landeier in der großen Stadt. Ui, das war eine Herausforderung. Mit der Metro in die Schule, klar. Aber in welche Richtung? „Ruoacholachti“ teilte eine freundliche Auskunftsstimme mit. Was? Wohin? Aha, Richtung Ruoholahti. Warum haben hier alle Stationen zwei Namen? Wir merkten uns immer den unteren, denn irgendwie schien dieser einfacher zu lesen als die Namen, die oben standen. Alles irgendwie komisch hier, doch das wirklich bedienerfreundliche Englisch der Finnen hilft uns weiter.  

Bereits nach wenigen Tagen bemerkten wir, dass in Finnland sich nicht nur die Schlösser anders drehen, sondern überhaupt die Uhren anders laufen. Schon nach dem ersten Schultag bemerkten meine Kinder, mittlerweile bequem per Flieger im Land der Rentiere eingetroffen, beim Abendessen: „Mama, die Lehrer hier sind viel netter als bei uns.“ – Aha!?

Sollte das der Weisheit letzter Schluss und Grund für die Erfolge Finnlands bei den Pisa-Tests sein? Dass die Lehrer einfach nur freundlicher zu den Schülern sind? Das herauszufinden, war einer der Hauptgründe, warum ich mich, selbst Lehrerin, für den kalten Norden entschieden habe. Einige Antworten habe ich bekommen, um das gesamte System zu durchblicken, reichte die Zeit allerdings nicht aus.

Finnland und die Finnen haben uns den Start im fremden Land nicht schwer gemacht. Die Dunkelheit, die im Februar noch deutlich zu spüren ist und die Tage kürzer macht, als sie in Österreich zu dieser Zeit noch sind, wurde mit jedem Tag weniger und überhaupt war es klimatechnisch nicht wirklich anders als bei uns zu Hause. Aus einem Bergdorf kommend, war ich überrascht, dass die Schneemengen kaum mehr waren, als ich es von daheim kannte. Vermutlich lag das aber auch am Wind, der einem hier ständig um die Ohren pfiff und das frisch gefallene Weiß sofort wieder von den Dächern fegte. Auch die Temperaturen überraschten mich nicht. Minus 19°C, das kannte ich. Gut es war Februar und mir war bewusst, dass es im wirklich finnischen Winter, im Dezember und Jänner auch schon mal zwanzig Grad kälter sein konnte.

Ansonsten fühlten wir uns schon nach kurzer Zeit wie zu Hause. Morgens saß ich mit meinem Kaffee im Wintergarten und genoss die Stille, während Eichhörnchen am Fenster vorbeihuschten und ich meinen Blick über die noch zugefrorene Bucht gleiten ließ. Tagsüber besuchten wir (meine Kollegin und ich) verschiedene Schulen in und um Helsinki, hielten Gaststunden und Vorträge und durften unseren finnischen Kollegen und Kolleginnen beim Lehren über die Schulter schauen. Wo wir auch hinkamen, überall wurden wir mit offenen Armen empfangen und wie VIP-Gäste behandelt – und waren nebenbei erstaunt über die Redseligkeit der Finnen, wenn es um Arbeit ging. Das Vorurteil der schweigsamen  Finnen konnten wir so nicht bestätigt finden, ein anderes Vorurteil allerdings schon. Bereits morgens sitzen sie in den Kaffeehäusern und Bars, die bei uns erst abends ihre Pforten öffnen und konsumieren Prozentiges. Überhaupt sind die Trinkgewohnheiten etwas eigentümlich für uns. Es wird nebst Alkohol massenhaft Kaffee und Milch getrunken, die es hier in so vielen verschiedenen Sorten gibt, wie wohl nirgends sonst auf der Welt: von fettfrei über viertelfett, halbfett, dreiviertelfett bis zu Vollmilch, mit und ohne Laktose, ... Selbst zu den Fleischbällchen mit Kartoffelpüree am Mittagsbuffet ist ein Glas Milch inklusive, nebst obligatorischem Brot, das man sich am Tresen selbst mit Butter bestreicht. Nicht schön und sauber portioniert ein einzeln verpacktes Minibutterstückchen für jeden, das letztendlich mehr Verpackungsmüll als Butter enthält. Nein, nach der Kasse im SB-Restaurant, steht einfach ein Teller mit einem Riesenberg Butter und einem einzigen Messer für alle bereit, Finnland pragmatisch. Selbstbedienung ist hier völlig normal, da dem Wort Bedienung offenbar ein negativer Touch anhaftet und des Finnen egalitärer Weltanschauung widerspricht. Ausnahmslos jeder verräumt nach dem Essen sein Tablett mit Geschirr und niemandem fällt dabei, wie bei uns, ein Zacken aus der Krone.

veröffentlicht 2013-09-17