Autofahren in Finnland

autofahren in finnland

Menu
P

- nicht immer ein Vergnügen ...

Käfer auf finnischen Schotterpisten

Ich wollte ja partout nicht glauben, was mir Anfang der 70er ein guter Freund, der schon lange vor mir Finnland besucht hatte, als guten Rat mit auf meine 1. Autofahrt in den hohen Norden mitgab - "am besten, du nimmst gleich 1-2 Ersatzscheiben für deinen Käfer mit, zumindest aber Folie", riet er mir. Ich schmunzelte, dachte bei mir, lass ihn mal reden und fuhr am nächsten Tag früh um 5 Uhr los. Reiseroute mit meinem Käfer 1302 mit 32 Kw : Kopenhagen, Malmö, Stockholm,  entlang nach Norrbotton bis Kemi und dann rüber nach Rovaniemi und von da nach Inari. Ich fuhr wie immer alleine, Leute würde ich schon genug treffen. Mein 2. Gedankenfehler, zumindest was Lappland betraf. Bis Rovaniemi lief eigentlich auch alles glatt. Es war Sommer, dazu ein prächtiger, wie ihn Finnland selbst auch nicht oft erlebt. Und es war Samstag , es war heiß, um die 32 Grad, und es war 1972 oder 1973. Rovaniemi selbst kannte ich schon von früher, war aber noch nie die Tunturi gefahren. Aber gut 350 km würde ich nach bisher tausenden von km locker abfahren, war mein Gedanke und freute mich schon über ein kühles Bier im Schatten der Wälder des Inarisees. Aber ich hatte die Rechnung ohne die Straßen gemacht. Kein Mittelstreifen, keine Randbegrenzung, fast keine Leitplanken, keine Asphaltierung, sondern nur schlichter Ölkies (eine andere Bezeichnung war mir nicht geläufig), bei dem man bei zu starkem Bremsen schön schlitterte. Dennoch fuhr ich flott und zügig, denn die Landschaft wurde immer karger. Was mich das erste Mal zum Anhalten bewegte, war der Zustand der Windschutzscheibe, sie wurde immer dunkler, übersät mit tausenden von Mücken, der Plage hieroben schlechthin. Scheibenwischer ...vergebens, schmierte nur. Also, angehalten, war eh keiner auf der Strasse, und meinen harten Mückenschwamm genommen und mit Klarwasser gesäubert. Aber nach einigen Kilometern sah es genauso aus. Faul, wie ich war, fuhr ich also langsamer und presste dabei meine Nase gegen die Scheibe. Was mir auffiel, in der einen Stunden kamen mir vielleicht 3 Autos entgegen. Vor und hinter mir war nix bisher.

Nachdem ich mich an den Mückendreck gewöhnt hatte, kam es zu meiner ersten Begegnung mit einem wohl der sturesten Tiere Finnlands. Seelenruhig trabte einige hundert Meter vor mir ein Rentierbulle die Strasse entlang und zwar mittig. Von wegen Lichthupe und Klanghupe hätten geholfen, im Gegenteil, das Tier blieb ca. 50 m vor mir einfach stehen, drehte sich um und schaute mich ungläubig an, was ich wohl auf seiner Straße hier verloren hätte. Aussteigen traute ich mich nicht, so in Natura sind die nämlich gar nicht so klein, wie von weitem im Zoo von Korkeasaari (Helsinki). Tja, er oder ich ...beide schienen wir Zeit zu haben, es kam auch kein anderer Autofahrer. Wir sahen uns fast 10 Minuten nur stumm an, dumm geguckt haben wir wohl beide. Erst dann wurde es dem Bullen wohl zu langweilig und er verschwand gemächlich trottend von der Strasse. Na, zumindest hatte ich einige Fotoaufnahmen machen können, die bestimmt nicht jeder hat. Da ich nun sowieso mit ausgeschaltetem Motor einmal stand, ging es wieder ans Scheibenreinigen, bevor ich meine Fahrt fortsetzte. Die Hitze wurde langsam unerträglich. Über 30 Grad jenseits des Polarkreises, wo jeder an Kälte denkt.

Rentier vor dem Auto

Die Fahrt dauerte allerdings nicht allzulange. Kurz vor Sodankylä kam dann das, was mein Freund mir prophezeit hatte. Ach hätte ich nur auf ihn gehört. Das der Ölkies ständig gegen den Autolack knallte, hatte ich ja schon in Kauf genommen. Auch einer meiner extra und mit dem Stolz eines Ralleyfahrers angebrachten Fernscheinwerfer hatte einen Sprung ins Glas abbekommen. Nun aber kam mir endlich mal ein Auto entgegen, dazu noch ein LKW. Wir konnten beide nicht schnell fahren, dafür war die Fahrbahn viel zu eng. LKW vorbei, ich vorbei ...und zack, ein lauter Knall. Ich konnte mich noch etwas wegducken, als auch schon die Glassplitter der Frontscheibe meinen nackten, verschwitzten Oberkörper bedeckten. Es dauerte schon einige lange Sekunden, bevor mir überhaupt bewusst war, was geschehen war. Der LKW hatte natürlich davon nichts mit bekommen. Ein Stein hatte die Frontscheibe fast komplett zertrümmert. Tja, wo war sie denn nur die Ersatzscheibe oder zumindest die Folie ?

Mit meinem Käfer unterwegs

Es half kein Zetern, kein ...hätte ich doch auf meinen Freund gehört. Raus den Handfeger, Restglasbefreiung und weiterfahren. Sind doch nur noch vielleicht 40 km bis Sodankylä. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Hieß "kylä" nicht Dorf auf deutsch, gab es da überhaupt sowas wie eine Scheibe? Gut "sota" heisst Krieg, das konnte ich ausschließen. Aber was war das noch für ein Tag ...ein Samstag und zwischenzeitlich auch noch nachmittags. Aber das schlimmste stand mir noch bevor. Die Myriaden von Mücken. Sie alle hatten wohl nur ein Ziel, mein Auto. Es war praktisch unmöglich weiterzufahren. Bis mir die Idee kam, dass ich doch im Gepäck bei meinem Zelt ein Moskitonetz hatte. Also, wieder angehalten, Schere gesucht, nicht gefunden, also Puuko, mein Finnenmesser, genommen und ratsch, das ganze Netz heraus getrennt. Irgendwie dann noch mit Zeltleinen am Auto befestigt und dann weitergefahren ...mit 30-40 km/h. Ich habe nicht auf die Uhr geguckt, als ich endlich Sodankylä erreichte. Mein vorher schön gewaschenes und poliertes Auto in knallroter Farbe war lackmässig nur noch grau bis schwarz. Ein Scheinwerferglas kaputt, Frontscheibe hin, Fastzusammenstoß mit einem Rentier ...was will man mehr auf 350 km. Gottseidank, eine Tankstelle, wenn auch klein. Kein Mensch zu sehen. Meine paar Brocken Finnisch, Englisch und Deutsch zusammengewürfelt und an der Tür geschellt und dabei auf mein Auto gezeigt. Und was bekomme ich zurück ...ein breites, aber kein hämisches Grinsen. Dann irgendetwas mit "lauantai" und "tänään", wieder Grinsen. Der gute Mann musste wohl an meinem Gesicht gesehen haben, wie ich gelitten hatte und faselte irgendetwas mit "huomeniltana" und "tulla valmiksi", also morgenabend fertig, und ich konnte es gar nicht fassen. Wie teuer das ganze war, weiß ich heute nicht mehr, aber ich weiß noch, dass wir an dem Abend so einige Bierchen zusammen tranken und ich auch zu essen bekam. Alles endete also noch recht glücklich, und ich wusste ab hier zu schätzen, was finnische Gastfreundschaft bedeuten kann.

 veröffentlicht 2012-09-13