besondere Sauna

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Morgensauna auf der FINNJET - oder die Auferstehung eines finnischen Truckers

Jede finnische Sauna hat ihre Besonderheiten. Sei sie holzgeheizt im finnischen Ferienhaus, als Rauchsauna oder in der Wohnung, elektrisch beheizt und von Risto, einem angeheirateten Verwandten, als „Grillhütte“ bezeichnet. Diese Abqualifikation zeigt schon Ristos Wunsch nach der echten am See und mit Holz befeuert. Langsam muss sie geheizt werden und sie darf nicht zu heiß sein – am besten zwischen 60 und 70 Grad.

Ein Saunabad der etwas anderen Art erlebte ich auf der FINNJET.

Rauchsauna

Rauchsauna im Purnu-Kunstzentrum, Orivesi

Wieder fuhren wir mit ihr gen Norden. Schon als wir auf das Schiff kamen, fiel mir ein männliches Wesen auf, das mit einem Gewichtheber zu vergleichen war. Seine Längenausdehnung entsprach in etwa seiner Breite. Ihm fehlten die oberen Schneidezähne und er trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Saudi Arabia“. Er schien viel erlebt zu haben in seinem etwa vierzigjährigen Leben. Sein aufgequollenes grobporiges Gesicht zeigte neben den Zahnblessuren noch andere kleine Narben. Ich stufte ihn in meine menschliche Kategorie „Haudegen“ ein. Bei der Ankunft in Helsinki stellte sich heraus, dass er Trucker und offensichtlich auf dem Rückweg aus Arabien war. Er lenkte, dann wieder ausgenüchtert, einen Sattelzug aus dem Schiff.

Viele Wochen ohne Alkohol schienen ihn aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben. Nach dem Auslaufen begab er sich sofort in den Tax-Free-Shop, kaufte sich eine Flasche Hochprozentigen und eine andere mit Limonade. Daraufhin setzte er sich in eines der Ledersofas im Treppenbereich, die zu der Zeit dort noch zum Ausruhen bereitstanden. Er probierte das beidhändige Reißen: in einer Hand den Hochprozentigen, in der anderen die Limonade. Beide Flaschen wurden in gemäßigtem zeitlichem Abstand zum Mund geführt und einer gewissen Menge des Inhaltes beraubt. Klar, dass diese Art von Sport nach kurzer Zeit ihre Wirkung zeigte.

Wir gingen zum Büffet und ließen es uns gutgehen. Der ausgezeichnete Fisch und die exzellenten warmen Gerichte bedeuteten für uns immer ein Highlight der Reise. Wir verbrachten sicher mehr als eine Stunde beim Essen und fanden danach unseren „Gewichtheber“ noch immer auf seinem Platz, beide Flaschen schon ordentlich geleert. Wir amüsierten uns an diesem Abend noch im Tanzrestaurant bei einer mittelmäßigen Show und begaben uns danach in die Kabine. Auf dem Weg dorthin fanden wir unseren Trucker noch immer an seinem Platz. Dieses Mal stand schon eine zweite Flasche Schnaps neben ihm am Boden. Er schien eine gute Kondition zu besitzen, wenn es um den Verzehr von alkoholischen Getränken ging. Doch hatte sie ob dieser Menge schon beträchtlich gelitten. Aus glasigen Augen betrachtete er seine Umwelt und gab mehr oder weniger unverständliche Laute von sich. So weit für diesen Abend.

Am nächsten Morgen entschloss ich mich, vor dem Frühstück die kostenlose Sauna zu genießen. Diese hatte nichts gemein mit der „Grillhütte“, wie sie Risto bezeichnete. Elegant, sehr groß, sicher für mehr als 20 Personen ausgelegt. Ein großer kiuas (Saunaofen) thronte in der Mitte des kreisrunden Ortes der finnischen Erquickung. Nur drei deutsche Männlein leisteten mir Gesellschaft. Aber keiner von ihnen hatte sich des Löyly-Eimers (Wasser für die Aufgüsse) bemächtigt, der unbenutzt in der Ecke stand. Ich schnappte ihn mir und warf die ersten Kellen. Beißender Wasserdampf füllte den Raum und vertrieb den Schlaf aus meinem Körper. Herrlich! Doch ich erntete von den Deutschen nur bösartige Blicke.

Die Saunatür öffnete sich und unser finnischer Trucker wankte in seinem vom Alkohol stark mitgenommenen Allgemeinzustand herein, setzte sich auf die Saunabank und suchte den Wassereimer, den er zu meinen Füßen fand. Er torkelte auf mich zu und holte ihn sich. Eine sehr aussagekräftige Dunstwolke des verzehrten Hochprozentigen umgab mich. Mir wurde schier schwindelig davon. Er war bereit, sein gestörtes Gleichgewicht durch die Sauna wiederzufinden. Eine Kelle nach der anderen schleuderte er mit entsprechender Wassermenge gegen den Ofen. Jetzt wurden nicht nur böse Blicke geworfen, sondern die Deutschen protestierten wegen des doch heftigen heißen Wasserdampfes bei etwa 90° Sauna-Temperatur. Ich wartete gespannt auf die Entwicklung dieser Interessenkonflikte. Die Proteste blieben bei unserem Finnen wirkungslos. Nach weiteren intensiven Aufgüssen begannen die Deutschen lauthals zu schimpfen. Bestimmt verstand er kein Wort des deutschen Protestes, konnte sie aber sicher erahnen. Seiner Mimik entnahm ich, dass unser weitgereister Gast einen Augenblick seine Strategie überlegte, um die Sauna in Ruhe genießen zu können. Er nahm den Eimer und schleuderte das komplette verbliebene Wasser auf den Saunaofen, sicher fünf Liter. Eine Explosion fand statt. Die gefühlte Temperatur erreichte Höllenwerte. Nur wenige Sekunden hielten es die übrigen Saunabesucher aus, dann spurteten sie zur Ausgangstür und wurden nicht mehr gesehen. Unserem Finnen mit alkoholisiertem Heimweh huschte ein kleines Lächeln über die Lippen. Er hatte seine gewünschte Saunaruhe. Still schwitzten wir jetzt vor uns hin.

veröffentlicht: 2011-08-06