"Elchjagd"

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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In der Nähe von Porvoo im Abendnebel

 (in der Nähe von Porvoo im Juli um Mitternacht, zum Vergrößern Foto anklicken)

Schon immer besaßen wir einen besonderen Respekt vor diesen größten aller Hirsche mit bis zu 800 kg Körpergewicht. Jedes Jahr registriert die Verkehrsbehörde in Finnland an die 1.500 Unfälle (Quelle: Keskisuomalainen) mit diesen Kolossen, die eine Schulterhöhe von bis zu 2,30 m aufweisen. Also sollten die Schilder am Straßenrand zur Kenntnis genommen und nicht als Hinweis auf zu erwartenden Elchbraten fehlinterpretiert werden. Diese Gedanken sollten uns während unserer Autofahrten in meiner zweiten Heimat mehrfach vor Problemen schützen.

Episode 1:
Es war wohl kurz vor Jahresende 1978. Für mich zeigte sich der sibirische Winter mit bis zu -35° eigentlich von seiner sehr schönen Seite, abgesehen davon, dass mir meine Kamera einfror und der Diafilm riss. Ich ärgerte mich ob des Verlustes anscheinend sehr schöner Landschaftsfotos. Wir wollten uns mit befreundeten deutsch-finnischen Ehepaaren, die sich über die Feiertage bei ihrer Verwandtschaft in Pori einquartiert hatten, zum Jahreswechsel im Hotel in Yyteri treffen. 300 km von Lievestuore bei dieser Kälte und den entsprechenden Straßenverhältnissen bedeuten schon eine Tagesreise. Sicher lässt es sich dort besser fahren als in Deutschland, wo das "schwarze Eis", wie es die Finnen nennen, eine unberechenbare Größe darstellt.
Frühzeitig begaben wir uns also auf den Weg. Über Orivesi und Tampere näherten wir uns am Nachmittag bei einsetzender Dämmerung unserem Ziel. An einer Kreuzung wollte ich links abbiegen. Vorsichtig bremste ich. Doch die Vorderräder blockierten sofort. Eis hatte sich in den vom Schnee befreiten Spuren gebildet. Unkontrolliert rutschte ich an der Kreuzung vorbei. Mein auftretender Angstschweiß war unnötig, es befanden sich keine problematischen Hindernisse in meiner Rutschbahn. Doch mein Fahrverhalten wurde dadurch drastisch beeinflusst. Ich hinderte von diesem Zeitpunkt an die finnischen spikesbestückten Fahrzeuge am zügigen Vorwärtskommen. Sicher entfuhren ihren Mündern einige drastische Flüche. Meine Vorsicht sollte sich aber auszahlen.
Einige Kilometer später blinkten mir bei einsetzender Dunkelheit hinter einer langezogen Kurve blaue und gelbe Leuchten entgegen. Autos standen kreuz und quer auf der Fahrbahn. Polizei regelte den Verkehr. Ich drosselte die Geschwindigkeit noch mehr und sah zusätzlich einen Elch auf der Straße liegen. Er hauchte wohl gerade sein Leben aus. Ein sehr neu wirkender großer Volvo stand mit eingedrückter Frontpartie in unmittelbarer Nähe. Sicher Totalschaden! Wir zwängten uns in langsamer Fahrt an dem Geschehen vorbei und schlichen weiter Richtung Yyteri.
Es gab viel zu erzählen an diesem Silvesterabend...

Episode 2:
Viele Jahre später...
Unsere Urlaubsorganisation hat sich innerhalb der letzten Jahre fast immer ähnlich ergeben: Zu Beginn unseres Aufenthaltes besuchten wir die Schwester von meiner Frau und am Ende ihre Cousine mit Mann in Porvoo. Dazwischen liegen die erholsamen Wochen auf der Insel Väisälänsaari in Hirvensalmi.
In dem besagten Jahr ergab es sich, dass Manti, Vuokkos Cousine, und ihr Mann Risto keinen Urlaub hatten. So beschränkte sich die Viersamkeit mit Sauna, einem entsprechenden Bierchen (oder mehreren) auf die Abende. Tagsüber gestalteten wir unser eigenes Programm. Mich zog es in die Schären vor Turku. Emäsalo hatten wir noch nicht besucht. An einem späten Vormittag fuhren wir bei herrlichem Sonnenschein los und erreichten nach wenigen Fahrminuten die große Brücke, die das Festland mit der Insel Emäsalo verband. Hier war die Straße noch großzügig ausgebaut, die Ferienhausbesucher sollten ja problemlos ihr mökki oder stuga, wie ihr Domizil in dieser schwedischsprachigen Region meistens hieß, erreichen. Wir fuhren an vielen kleinen und großen Bauernhäusern vorbei, sahen in der Ostsee viele Boote angeleint schaukeln - einfach eine Idylle, um die Seele baumeln zu lassen.
Die Straßen verengten sich zunehmend und wurden kurvenreicher. An den Seiten türmten sich mächtige Granitfindlinge oder der Grundfelsen auf. Unvermittelt thronte in einer scharfen Linkskurve rechts am Straßenrand auf einem hohen Felsen eine Elchkuh - aus Holz, wie ich dachte. Ich fuhr langsamer, Schritttempo. Das wollten wir doch genauer betrachten. "Pass auf!", schrie Vuokko plötzlich neben mir. Mein Rückenmark gab mir den Befehl zu bremsen. Gemächlich trottete ein Elchbaby zu seiner Mutter auf der anderen Straßenseite. Jetzt regte sich das Monument auf dem Felsen. Es bestand aus Fleisch und Blut.

veröffentlicht: 2011-11-25