Meine erste Reise

Meine erste Finnlandreise 1968

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Planung Winter 1967/68

Post aus Finnland? Ach, da gab es ja einmal vor vielen Jahren eine Brieffreundin. Der International-Youth-Service aus Turku hatte sie mir als 14-jährigem einmal vermittelt. Aber dann war nach ein paar Jahren Schluss mit der Schreiberei. Einer von uns beiden hatte wohl keine Lust mehr.

Vuokko

Ein Foto war auch dabei .... Hübsches Mädchen, dachte ich mir. Vuokko wollte mit mir wieder korrespondieren, weil das Abi nahte und Deutsch ihre erste Fremdsprache war.

Zur gleichen Zeit beschlossen meine Eltern, ihren Urlaub ohne mich zu organisieren. Und nun? Die Lösung des Problems bereitete mir indirekt mein Vater. Er arbeitete bei der Bahn und ich hatte somit alle Preisvergünstigungen, die man sich vorstellen konnte: 100% Ermäßigung im Inland, 50% im Ausland, 25% am Schiff zwischen Schweden und Finnland. So konnte man schon preisgünstig eine Reise planen. Sofort wurde auf die finnische Post geantwortet: "Besteht die Möglichkeit, dass ich während einer Skandinavienrundreise bei dir Station machen kann?" (Dass ich mich dann ausschließlich bei ihr und ihren Eltern aufhielt, war schon ein wenig frech, oder?).

Nach ein paar Wochen kam die Antwort: "Du bist herzlich eingeladen!" Und schon musste geplant werden. Bebra-Hamburg-Lübeck-Puttgarden-Rødby Havn-Stockholm-Turku-Tampere-Jyväskylä-Lievestuore-Kankainen. Abfahrt am frühen Abend (18.45 Uhr?) in Bebra mit D 282 (oder 283?) im Kurswagen direkt nach Stockholm, Ankunft 16.45 Uhr.

Der Zug fährt los ...
Im August 1968 (14.?) war es dann so weit. Mein Vater brachte mich zur Bahn. Besorgt, wie er war, wollte er seinen 18-jährigen (!) Sohnemann wohlbehalten im Kurswagen sitzen sehen. Aus meiner heutigen Sichtweise hätte ich in gleicher Situation auch ein paar Probleme damit. Damals waren Handy, direkte Auslandstelefonverbindungen nach Finnland oder Internet noch unbekannte Vokabeln. Da stöpselte noch das "Fräulein vom Amt" die Strippen!

Beim Eintreffen in dem Abteil mit meinem reservierten Fensterplatz saßen auf sechs vorhandenen Plätzen sechs fremdartig aussehende Gestalten - auch auf meinem!! Hermanns (meines Vaters) Nackenhaare sträubten sich in ansteigendem Zorn - doch umsonst. Die sechs griechischen Seeleute, auf dem Weg nach Kopenhagen, entpuppten sich als außerordentlich gastfreundliche Gesellen. Für den mageren (ich wog damals an die 70 kg!) Abiturienten wurden gebackene Hähnchen, Wein, Zigaretten und andere Leckereien ausgepackt. Und meinen Sitzplatz bekam ich selbstverständlich. Einer der Jungs verzog sich auf einen Notsitz vor unserer Abteiltür. Das große Abenteuer "Finnland" konnte beginnen.

An Schlafen war kaum zu denken. Ich war wegen der zu erwartenden Ereignisse viel zu aufgeregt. Hamburg Hbf: Unser aus Rom kommender Kurswagen wurde abgehängt und an einen anderen Zug angekuppelt. Nach langem Aufenthalt ging es mit einer V 200 (Diesellok) weiter Richtung Puttgarden. Mitten in der Nacht hieß es wieder warten. Die Fähren nach Dänemark kannte ich ja schon, aber mit einem Zug auf das Schiff - das war wirklich etwas Besonderes für einen Eisenbahnfan. Jetzt hatten wir die Möglichkeit, das Schiff zu erkunden und billige Zigaretten einzukaufen. Und dann gab es ja die leckeren Krabbenbrote ....

Nach der etwa einstündigen Überfahrt nach Rødby Havn wurde der Zug wieder zusammengestellt und wir fuhren weiter Richtung Kopenhagen. Wieder wurde unser Kurswagen an einen anderen Zug gehängt, der uns nach Helsingør bringen sollte. Kaum waren wir aus Kopenhagen abgefahren, wartete die nächste Eisenbahnfähre auf uns. Diesmal wurden aber nur die Kurswagen auf die viel kleinere Fähre geschoben, die nach 20-minütiger Überfahrt in das schwedische Helsingborg wieder einem neuen Schnellzug nach Stockholm angehängt wurden. Die innere Spannung stieg. In Dänemark war ich schon, aber Schweden ... Absolutes Neuland! Rote Häuschen neben der Strecke, Seen und ab Mittelschweden Granitfelsen. Die Ausblicke änderten sich ständig. Alles ging mir viel zu schnell. Geschlafen hatte ich auch kaum in den letzten 15 Stunden. Irgendwie war ich kaputt, aber die Vorfreude auf alles Neue hielt mich wach.

Wo ist der Hafen in Stockholm? Wie komme ich da hin? Wie von Zauberhand löste sich das Problem von alleine! Eine Finnin mit ihrem Kind stand vor dem Nebenabteil und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie auch nach Finnland wollte und zur gleichen Fähre wie ich. "Wir nehmen uns gemeinsam ein Taxi und fahren zum Hafen Skeppsbron. So können wir uns die Kosten teilen", meinte sie. So wurde gleichzeitig das nächste Problem gelöst - ich kannte den Hafen in dem die M/S Ilmatar auf uns wartete, überhaupt nicht.

Tegelvikshamn,
 Stockholm

  (Blick vom Tegelvikshamn auf die Altstadt Stockholms, wo auch der alte Hafen Skeppsbron liegt.)

Auf nach Finnland

Stockholm C (Zentralbahnhof), Ankunft am Nachmittag. Der Zug war sehr pünktlich. Jetzt war ich schon ca. 24 Stunden unterwegs. Schlaf? Mangelware! Doch ich hatte ja am Schiff eine Kabine .... So suchten meine finnische Begleiterin und ich uns ein Taxi, das uns zum Hafen bringen sollte. Schlangen von Menschen warteten an der Pass- und Zollabferigung am Hafen Skeppsbron auf Durchlass. Schengen und einfach nur Personalausweis zeigen war auch zu jener Zeit noch unbekannt. Reisepässe mussten es schon sein! Und die Fragen nach der Menge Alkohol, die man dabei hatte, oder wieviele Zigaretten mitgenommen wurden ....
Das stolze Schiff wartete vor den Abfertigunggebäuden (
M/S Ilmatar - Wikipedia) auf seine Passagiere. Endlich wurden wir kontrolliert und durften an Bord. Kabine suchen, Stewardess finden, die helfen könnte, viele Gänge, Irrwege. Ich fand die Information und alle Probleme wurden beseitigt. Koffer abstellen und Schiff erkunden! In der Kabine angekommen erwartete mich ein Finne in langer Unterhose! Er begrüßte mich auf Finnisch, ich antwortete verzweifelt auf Englisch. Keiner verstand den anderen, aber wir lächelten uns an. Aber warum lange Unterhose? Draußen war es schwül-warm, sicher zwischen 25 und 28°. Viel später erfuhr ich, dass ältere finnische Männer immer lange Unterhosen trugen, Sommer wie Winter!

Bore

(das Schiff meiner Rückreise: M/S Bore, 2011 im Hafen von Turku)


Zuerst auf Deck. Toll sah das aus. Die vielen Außendecks, der Blick auf das Schloss und die Altstadt, die Ostsee, die vielen Schiffe - kleine wie große. Spannend! Und herrliches Wetter. Aber mein Magen knurrte und so musste er Arbeit bekommen. Ich suchte die Caféteria (Restaurant-Büffet war mir zu teuer.) und organisierte mir ein ordentliches Lachssandwich. Ich fand auch ein freies Plätzchen an einem Tisch, an dem schon zwei Herren saßen. Ich bat, Platz nehmen zu dürfen, was sie sehr freundlich gestatteten. Nachdem ich gegessen und mir eine Zigarette angesteckt hatte, kamen wir ein wenig ins Gespräch und unterhielten uns über unsere Herkunft und Absichten der Reise. An den einen Tischnachbarn kann ich mich noch gut erinnern. Er hieß Ignaz Ellenbogen, stammte aus Israel und war wohl Mathematiker im israelischen Finanzministerium. An ihn konnte ich mich wegen seines sonderbaren Namens immer erinnern. Er muss wohl eine wichtige Persönlichkeit in Israel gewesen sein.
Traumhaftes Wetter, kaum Wind auf Deck und die langsame Fahrt durch den Skärgård Stockholms (Schärengürtel). Viele kleine Boote kreuzten unsere Route, rot-weiße kleine Ferienhäuser oder sicher sehr teure Villen säumten das Ufer. Und es wurde kaum dunkel, obwohl es schon August war. Ein unvergessliches Erlebnis!

Schären vor Stockholm

(ein Bild der Schärendurchfahrt aus dem Jahr 2006)

Ich schlug mir die halbe Nacht auf Deck um die Ohren. Im Zeitalter der Digitalfotografie hätte ich sicher mehrere hundert Bilder geschossen. Leider hatte ich damals nur die alte Balgenkamera meiner Eltern mit einem s/w-Film! Also doch in die Kabine. Mein finnischer Begleiter schnarchte schon im Oberbett. Ich wollte versuchen, es ihm nachzutun.
Ich glaubte, kaum geschlafen zu haben, als uns eine Stimme aus dem Lautsprecher weckte: "Good morning, ladies and gentleman. We will arrive in Turku in one and a halfe hour. Our restaurants are now open." So oder so ähnlich muss die Ansage gelautet haben, nachdem sicher der gleiche Inhalt auf Finnisch und Schwedisch verkündet wurde. Also ab ins Bad. Ich ließ meinem finnischen Begleiter den Vortritt. Hunger, Frühstück, Kaffee. Und wieder die Schären - Hafeneinfahrt in Turku.Aber meine Uhr schien stehengeblieben zu sein. Die Wanduhren im Restaurant klärten mich auf: osteuropäische Zeit = mitteleuropäische + 1 Std.

In Finnland

Die Anspannung stieg. Wo fährt mein Zug ab - direkt im Hafen sollte der Bahnhof sein, wo bekomme ich meine Fahrkarte, habe ich genug finnisches Geld getauscht? Ich schleppte mich mit meinem sicher mehr als 20 kg wiegenden Koffer über die Gangway. Den Bahnhof konnte ich sehen. Eigentlich nur zwei Gleise und ein Kiosk, an dem ich mir das Ticket kaufen konnte. Sie verstand Englisch - gut! Auch meinen Ermäßigungsschein der Bundesbahn akzeptierte sie. Aber ich hatte nicht an eine Platzreservierung gedacht. Das sollte sich noch rächen! Der Zug stand bereit und ich bestieg den erstbesten Wagen. Luxus pur. Solche Waggons der 2. Klasse hatte ich bei uns noch nicht nutzen können, aber überall reserviert! Mist, was nun? Dann wieder unterschiedliche Ortsbezeichnungen in den Wagen: Tampere - Jyväskylä - Joensuu  oder einfach nur Tampere. Aber in den Wagen nach Joensuu konnte ich einfach keinen freien Platz finden. Ich schob meinen schweren Koffer mehrmals durch den Zug, um dann irgendwo Platz zu nehmen. Irgendwann kam der Schaffner und verlangte die Fahrkarten. Mit seinen wenigen Brocken Englisch machte er mir aber klar, dass ich hier nicht bleiben könnte, da die Wagen in Tampere abgehängt würden. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Kurz vor Tampere schob ich meinen Koffer wieder durch den Zug und stellte mich einfach auf die Plattform von einem Wagen, der weiterfahren sollte. Im Bahnhof begann die Rangiererei. Wir hatten bestimmt eine halbe Stunde Aufenthalt, während dem wir andere Wagen angehängt bekamen: Holzklasse. Wahrlich Waggons mit Holzverkleidung, Holzsitzbänken mit Kunstlederkissen darauf. Vom Luxus der deutschen Intercity-Züge wurde ich in den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Aber hier konnte ich bleiben.
So tuckerte der Zug mit einer kleinen Diesellock und vielleicht 60 - 80 km/h Richtung erstem Ziel: Jyväskylä. Vorbei an klaren Seen erreichten wir am Mittag Haapamäki. Die Lok wurde umgespannt und wir fuhren weiter Richtung Jyväskylä. Nach fast 46 Stunden Reisezeit sollte ich Jyväskylä erreichen - und Vuokko Hintikka treffen, meine Brieffreundin, die ich nur von ein paar Briefen und ein paar Fotos kannte. Da war doch ein etwas seltsames Kribbeln im Bauch. Abgesehen von dem unsteten Reiseleben und der unregelmäßigen Ernährung mit viel Cola befiel mich ein Gefühl der besonderen Anspannung. Wie wird sie sein, komme ich mit der Sprache klar (In Englisch war ich zumindest in der Schule eine Niete!)? Aber sie schrieb ja immer in Deutsch. Werden wir uns erkennen? "Wird schon schiefgehen", dachte ich.
Der Zug fuhr in Jyväskylä ein. Ich hatte (was ein Blödsinn) meine besten Klamotten angezogen: graue Stoffhose, grünes Cord-Jacket, weißes Hemd. Ansonsten waren Jeans angesagt. Ich wollte mich von meiner Schokoladenseite zeigen. Wieder mit dem schweren Koffer aus dem langen Zug. Orientieren. Wo könnte sie sein? Da stand ein blondes Mädchen auf den Stufen des Bahnhofsgebäudes. Guter Beobachtungsposten! Daneben aber noch ein blondes Mädchen... Ich ging auf beide zu, stellte mich höflichst vor und fragte, ob eine der beiden Vuokko sei. Und so war es. Erleichterung! Ich glaubte, endlich mein Ziel erreicht zu haben. Höfliche Konversation, bei der sich herausstellte, dass es sich bei dem zweiten Mädchen um Vuokkos Freundin Päivi handelte, die sie als moralische Stütze zum Bahnhof begleitete. Ich sollte sie später noch besuchen.

Vuokko

So habe ich Vuokko 1968 kennengelernt.

Aber wir waren noch nicht ganz am Ziel. Mit dem "lättähattu", einem so in der finnischen Umgangssprache genannten Triebwagen, mussten wir noch nach Lievestuore fahren und dann weiter mit dem Kleinbus bis Kankainen. Dahin begleitete mich Vuokko und der deutsche Junge an ihrer Seite wurde arg bestaunt. Vielleicht war noch nie ein Ausländer in die Tiefe der finnischen Wälder vorgedrungen? Ich fühlte mich etwas unbehaglich. Ich verstand kein Wort, von dem, was im Bus gesprochen wurde! "Jetzt müssen wir aber aussteigen",  bemerkte Vuokko in ihrem stark akzentuierten Deutsch, das sie aus meiner Sicht sehr gut sprach. An der Bushaltestelle wartete ihr Vater mit einer Milchkarre, um uns und meinen schweren Koffer abzuholen. Herzlichst wurde ich begrüßt. Aber mir war sofort klar, dass Kommunikation ohne Dolmetscher nicht möglich war. So erreichte ich mein Ziel, einen Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert auf einem Hügel unweit der Bushaltestelle.

Und die Reise endete mit Blitz und Donner. Die Atmosphäre hatte sich (ob das an mir lag?) so aufgeladen, dass sich ein außerordentlich heftiges Gewitter in dieser Region entlud, das uns für die ganze Nacht und den halben nächsten Tag den Strom raubte. So beendeten wir den Tag bei Kerzenschein und noch langen Gesprächen bei meiner Gastfamilie - und die bedauernswerte Vuokko musste ständig übersetzen!

 veröffentlicht: 2011-06-14