meine erste Winterreise

Meine erste Flugreise im Winter 1968 nach Finnland.

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Ripatti im Winter
(Winter in Kankainen in den 70-igern) (Winter in Porvoo 2009)


Zugprobleme

Kurz vor Weihnachten 1969. Es sollte meine erste Winterreise nach Finnland werden: klirrend kalt, viel Schnee, zugefrorene Seen, Dunkelheit - so stellte ich mir das Land am Polarkreis vor. Aber schon in Deutschland sank das Thermometer um den 20. Dezember in den Minusbereich weit im zweistelligen Bereich. Wie halte ich das dann in Finnland aus? Da mussten nordlanderprobte Klamotten her. Ich organisierte mir hohe Schnürstiefel, lange Unterhosen, dicke Pullover und Socken sowie eine Kunstpelzjacke (!). So konnte ich starten.

Meine Reiseplanungen waren wegen der Ermäßigungen wieder eisenbahnorientiert. Doch wegen der kurzen Ferienzeit war es ratsam, sich erstmalig auch dem Flugzeug anzuvertrauen. Also kombinierte ich beide Reisemöglichkeiten: in der Nacht mit dem Zug nach Kopenhagen und dann mit dem Flieger Richtung Helsinki und weiter nach Jyväskylä. Auch bei den Airlines bekam ich als Student einen ordentlichen Rabatt.

Mit dem Zug startete ich in Bebra Richtung Kassel. Dort wollte ich in den Schweiz-Express umsteigen. Ich hatte mir einen Schlafwagenplatz organisiert. Bis Kassel ergaben sich keine Probleme, aber danach ... "Der Schweiz-Express aus Basel über Hannover, Hamburg, Lübeck, Puttgarden nach Kopenhagen hat voraussichtlich 90 Minuten Verspätung." Was nun? Klappt der Anschluss in Puttgarden an die Fähre? Erreiche ich dann noch meinen Flieger nach Helsinki und den nächsten nach Jyväskylä? In mir kam eine innere Anspannung auf - natürlich auch Unsicherheit; denn ich konnte kaum jemanden in Finnland auf die Schnelle erreichen. Vuokko wollte mich am Flughafen abholen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich dem Schicksal hinzugeben! So setzte ich mich in das Bahnhofsrestaurant und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Nach etwa einer Stunde begab ich mich zum Informationsschalter, um der Sache auf den Grund zu gehen, weil ich von Minute zu Minute nervöser wurde. Dort erfuhr ich, dass der Speisewagen wegen der Kälte eingefroren sei und dieser unterwegs abgekuppelt werden musste. Auch andere kältebedingte Probleme mit dem Zug traten auf, wie ich später noch erfahren sollte. Mit zwei Stunden Verspätung traf der Zug endlich in Kassel ein! Der sehr freundliche Schlafwagenschaffner kontrollierte meine Tickets und führte mich zu meinem Schlafwagenabteil, das noch vollkommen leer war. Super, dachte ich. Dann kann ich wenigstens schlafen. Falsch gedacht. Ich war so angespannt, dass ich bis Hamburg überhaupt nicht geschlafen hatte. Mir kreisten die Gedanken nur so im Kopf. Jetzt bekam ich Besuch. Ein Niederländer mit Ziel Kopenhagen belegte das zweite Bett im Abteil. Wir begrüßten uns und stellten nach kurzer Zeit fest, dass uns beiden der Magen knurrte. Der Speisewagen war eingefroren und nicht mehr existent. "Uns fehlen nur Brot und ein Bier. Ein großes Stück Käse habe ich im Koffer", meinte mein Mitreisender. So zog ich mich wieder an und wir begaben uns zum Schlafwagenschaffner. Er bat uns in sein Service-Abteil, mein Mitreisender legte sein riesiges Stück Gouda auf den Tisch, der Schaffner öffnete drei Flaschen Bier und spendierte allen Vollkornbrot dazu. So ließen wir es uns gutgehen.

Wir erzählten, aßen, tranken unser Bier und hörten plötzlich laute Stimmen auf uns zukommen. Aus dem Nachbarwagen drangen Reisende in den Schlafwagen. Der Schaffner sprang auf und versuchte, sie zurückzuschieben. Ich konnte mir die Aufregung nicht erklären. Es stellte sich heraus, dass seit Hamburg die komplette Zugheizung ausgefallen war. Nur unser Schlafwagen besaß eine eigene. Bei uns war es gemütlich warm. So erfuhren wir erst durch diesen Zwischenfall davon. Mir war die Situation außerordentlich peinlich. Ich hatte Mitgefühl mit den Frierenden, doch der Schaffner drängte sie zurück und schloss die Zwischentür ab. So erreichten wir Puttgarden und trotz der Verspätung eine Fähre. Die anderen Reisenden konnten sich am Schiff aufwärmen und der komplette Zug tat es auch. Mein Bettnachbar und ich begaben uns ebenfalls auf das Schiff und kauften tax-free ein. Kurz vor Ankunft in Rødby Havn kletterten wir dann ins unsere Kojen und schliefen doch noch die paar Stunden bis Kopenhagen.

Der Zug hatte ein paar Minuten seiner Verspätung aufgeholt. Mir blieb also genug Zeit, um von der nahegelegenen Bushaltestelle zum Flughafen Kastrup zu gelangen. Im Bus merkte ich, dass mir doch ein paar Stunden Schlaf fehlten - keine Zeit zum Schlafen, munter bleiben, alles in mich aufnehmen, was neu war!

 

Der Flug in die "Eiswüste"

Am Flughafen hatte ich bis zum check-in viel Zeit. Ich frühstückte ordentlich. Wurde da mein Name ausgerufen? Die Wiederholung der Durchsage bestätigte es. Ich sollte zum Informationsschalter kommen. Die freundliche Bodenstewardess erläuterte mir, dass die Maschine der ungarischen Malev, mit der ich nach Helsinki fliegen wollte, so viel Verspätung hätte (nein, nicht schon wieder!!), dass ich meinen Anschlussflug in Helsinki nach Jyväskylä nicht erreichen würde. Mir fiel das Herz in die Hose, doch sie präsentierte mir mit einem herzlichen Lächeln eine Alternative: Wenn ich mich beeilen würde, könnte sie mich auf eine Maschine der FINNAIR umbuchen. So getan begab ich mich auf dem kürzesten Weg zum check-in, gab meinen Koffer ab und erhielt meine Bordkarten.

Von jetzt an gestaltete sich die Reise - fast - problemlos. Noch nie hatte ich in einem Flugzeug gesessen. Anrollen zur Piste, Start und plötzlich schoben uns die beiden höllisch lauten Triebwerke der Super Caravelle gen Himmel. Ein fantastischer Ausblick bot sich mir: Kopenhagen, Malmö, die Ostsee. Einzigartig bei dem klaren Wetter! Es gab ein ordentliches Mittagsmenü, kostenlos, und ein herrlich schmeckendes Bier. Als Student hat man immer Hunger! Ich genoss den Flug, der aber nach anderthalb Stunden schon zu Ende ging. Landeanflug auf Helsinki. Wir kreisten über dem finnischen Meerbusen und schwenkten Richtung Helsinki-Vantaa ein. Butterweiche Landung, Schnee wirbelte auf. Außentemperatur -18° C und das am Nachmittag. Wie sollte es denn in der Nacht sein? Noch bekam ich die Kälte nicht zu spüren. Die Gangway führte uns direkt ins Terminal. Ich hatte etwas Aufenthalt, bis der Anschlussflug nach Jyväskylä starten würde. Ich suchte mir einen angenehmen Sitzplatz mit Ausblick auf das Vorfeld und beobachtete die ankommenden und startenden Maschinen. Viele waren es nicht, bis meine nächste Maschine aufgerufen wurde. Der Flughafen in Helsinki war zu der Zeit noch sehr übersichtlich.

Ich wunderte mich ein wenig über die lange Flugzeit, die wir für die knapp 300 km haben sollten. Für 1.000 km von Kopenhagen nach Helsinki brauchten wir inklusive Start und Landung 1,5 Stunden, für den Flug nach Jyväskylä 40 Minuten? Ich sollte den Grund erfahren. Wir stiegen in eine alte Convair Metropolitan Propellermaschine. Sessel so breit wie im eigenen Wohnzimmer für maximal 50 Passagiere. Sah richtig gemütlich aus, erinnerte mich aber irgendwie an eine vergangene Zeit. Mir wurde etwas unbehaglich! Ich kann nicht sagen, dass direkte Angst in mir aufkam, aber so etwas Ähnliches war es doch. Große Schläuche wurden zum Triebwerk geführt. Warum? Ich hatte keine Ahnung und wegen meiner Fragen als Unwissender schämte ich mich. Also abwarten. Der Pilot ließ die Triebwerke an. Sie stotterten mächtig, bevor sie anfingen rund zu laufen. Kurze Zeit später schossen Flammen aus dem Auspuff. Was war das? Sollte mein letztes Stündlein geschlagen haben? Ich wollte aussteigen, doch ein anderes Bedürfnis war stärker: Ich wollte Vuokko wiedersehen!! Also ausharren. Später erfuhr ich, dass die Maschinen in der Warmlaufphase mit fettem Gemisch betrieben wurden und diese Nachzündungen normal seien. Es war halt kalt in Helsinki und in Jyväskylä sicher noch kälter.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Maschine schob sich in den Himmel, ohne Probleme. Ich war erleichtert! Wir flogen recht tief. Ich erkannte an den Scheinwerfern jedes einzelne Auto. Die Seen waren zugefroren und mit einer dicken Schneeschicht überzogen. Wie im Traum! Meine Ängste waren vollkommen überflüssig gewesen.
Wir näherten uns Jyväskylä, meinem Ziel. Saubere Landung, aber keine Gangway. Der Flughafen bestand nur aus einem Gebäude, dem Tower und der Landebahn. Wir stiegen über die Treppe der Maschine aus und mussten zu Fuß zum Empfangsgebäude. Was war das kalt. Das Thermometer am Eingang des Gebäudes zeigte -25°C. Das hatte ich noch nie erlebt. Erst als ich an der Kofferausgabe stand, merkte ich, dass ich doch etwas zu dünn angezogen war: Meine aus Kunstfaser bestehende schicke Keilhose (Das war damals Mode ...) war wegen des Schweißes, den ich aus der warmen Maschine mitbrachte, an meinen Beinen festgefroren! Das war kein angenehmes Gefühl. Es juckte überall. Aber das vergaß ich ganz schnell; denn in Sichtweite wartete Vuokko auf mich - in schwarzem langem Mantel und schwarzer Kosakenmütze. Jetzt war ich angekommen!!

Veröffentlicht 2011-06-20