Probleme en masse

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Meine zweite Schülerreise nach Finnland 1987 (?)

Markt in Helsinki

(Markt in Helsinki 2010)

Zwei Kollegen baten mich, für ihre Klassen eine Studienreise nach Finnland zu organisieren. Wir bereiteten uns in speziellen Seminaren intensiv auf dieses besondere Ereignis vor. Ein kleiner Sprachkurs wurde angeboten, Besonderheiten des Landes untersucht, die Reiseorganisation diskutiert und abgesprochen, Vorsichtsmaßregeln festgelegt, Info-Zettel mit Reiseverlauf, der Adresse und Telefonnummer unserer finnischen Unterkunft ausgegeben. So vorbereitet konnte die Reise Ende Mai 1987 beginnen. Drei Lehrer, die Ehefrau eines Kollegen und unser Busfahrer Gerhard sollten die Horde von 45 Schülern bändigen. Kein leichtes Unterfangen, wie sich bald herausstellte.

Auch während dieser Reise fuhren wir mit der GTS FINNJET ab Travemünde nach Helsinki. Wie schon bei der ersten Schülerreise bedeutete das Schiff für viele Jugendliche den ersten Blick in die große weite Welt. Kaum jemand der Schüler hatte vorher schon einmal ein solches Schiff gesehen, geschweige denn ist damit gereist! Für die Begleitpersonen war es nur sehr beruhigend, dass an Bord finnische Gesetze galten; denn Alkohol bekam legal keiner der unter 18-Jährigen. So konnten sich die Gruppenleiter beruhigt auf die Dinge konzentrieren, die uns in Finnland erwarten würden.

 

Suomenlinna

(Suomenlinna in der Hafeneinfahrt von Helsinki)

Nach der Ankunft bei strahlend blauem Himmel und Temperaturen über 20° wollten wir zuerst die Stadt besichtigen. Begonnen habe ich immer mit einem Gang über den Markt am Hafen. Die Lehrer waren faul und setzten sich, obwohl wir gerade erst gefrühstückt hatten, in das Kaffeezelt am Markt, genossen den Kaffee und ein superfrisches "munkki" (übersetzt: Mönch), ein in Fett gebackener Krapfen. So durfte diese Reise weitergehen.
Nicht lange konnten wir uns solchen oder ähnlichen Freuden hingeben. Ein Schüler kam schreiend auf uns zugerannt. "Einer von unseren Jungens ist in der Markthalle umgekippt", schrie er uns schon aus großer Entfernung zu. Ich begann, hektisch zu werden. Wir fragten nach Details und erfuhren, dass ein Junge krampfartig zusammengebrochen sei, eine Verkäuferin in der Markthalle - eine Studentin mit guten Deutschkenntnissen(!) - hatte einen Rettungswagen gerufen und der Patient wurde mit dem dritten Schüler der Gruppe in das Meilahti-Krankenhaus gefahren. Das war ja ein "toller" Start unseres Finnlandaufenthalts! Wir gingen die wenigen Meter zur Markthalle und befragten die Verkäuferin genauer. Ich musste wissen, wo das Krankenhaus in Helsinki lag. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keins in Helsinki benötigt. Die Studentin informierte uns ausführlich, organisierte einen kleinen Stadtplan für uns und zeigte uns das sehr große und weitläufige Krankenhaus am nordwestlichen Rand des Zentrums. Freundlicherweise ließ sie mich auch noch von ihrem Telefon aus mit der Notfallaufnahme des Krankenzentrums telefonieren. Ich erfuhr, dass unser Patient eingeliefert worden sei und neurologische Untersuchungen folgen sollten. Am frühen Nachmittag würden sie mehr wissen. So lange sollten wir uns gedulden.

 

Sibelius-Monument

(Sibelius-Monument, Helsinki)

Uns war die Lust auf Stadtbesichtigung vergangen. Wir mussten uns um unsere "Schäfchen" kümmern, die aufgeregt diesen Notfall diskutierten. Wir sammelten alle ein, gingen gesenkten Hauptes zum Bus und konnten dort in einer Konferenz das weitere Vorgehen diskutieren. Wir hatten schon ein paar Stunden in der Stadt mit den Aufregungen verbracht. Kurz vor Mittag beschlossen wir, doch noch ein abgespecktes Sightseeing-Programm zu organisieren. Dom, Felsenkirche, Sibelius-Monument. Jetzt befanden wir uns schon in der Nähe des Krankenhausareals. Wir fuhren mit vielen unguten Gedanken zu unserem Patienten. Alle Schüler sollten im Bus bleiben. Die hintere Tür des Busses blieb geschlossen, am vorderen Eingang wachten Fahrer und ein Kollege. Der andere ging mit mit seiner Frau und mir in das Krankenhaus. Wo befand sich die Notaufnahme? Wir erfuhren es bei der Information. Meine Finnisch-Kenntnisse halfen weiter. So fanden wir unseren Patienten: blass um die Nase, Oberkörper frei. Die Ärztin klärte uns auf: Er hatte einen ersten epileptischen Anfall. Wie schwer er war, könnte erst eine Rückenmarkpunktion zeigen, meinte sie. Viele Fragen drehten sich in meinem Hirn. Wie sieht es mit der Kostenübernahme aus? Konnten wir ihn überhaupt mitnehmen? Wer würde sich ansonsten hier um ihn kümmern? Wie können wir die Eltern informieren? Warten.
Tapfer überstand er diese Tortur. Kein Blut in der Rückenmarksflüssigkeit! Wir konnten ihn unter einer Bedingung mitnehmen: Die nächsten 24 Stunden war absolute Bettruhe angesagt! Bettruhe im Bus? Wir würden die letzte Sitzplatzreihe freiräumen, wo er sich hinlegen konnte. In unserer Unterkunft in Järvenpää würden wir uns besser um ihn kümmern. So begleiteten wir ihn zu unserem Bus und fuhren ab.

Nach der kurzen Fahrt zu unseren Hütten kam uns Pertti entgegen. Mein lieber Kollege aus Hyvinkää erwartete uns schon. Die herzliche Begrüßung wurde durch die Ereignisse natürlich getrübt. Ich berichtete das Tagesgeschehen, und auch sein Gesicht bekam Sorgenfalten. Mitten im Gespräch wurde ich ans Telefon gerufen. Ein Finne fragte mich, ob uns ein Schüler fehlen würde? Er nannte mir einen Namen und mir fiel das Herz in die Hose. Ich sprach mit André (Name geändert), der mir erklärte, dass er in Helsinki wäre. Er säße in einem Restaurant und würde von dem Besitzer, der mich angerufen hatte, bestens versorgt. Wie er denn jetzt nach Järvenpää käme? Mein mit Kopfschmerzen geplagtes Hirn schien kaum noch zu funktionieren. Pertti kam mir zu Hilfe. Mit den notwendigen Informationen versorgt fuhr er mit seinem Pkw nach Helsinki und holte unseren Ausreißer ab. Keiner konnte sich erklären, wie das passiert war.
Nach dem aufregenden Tag freuten wir uns über den Ruf zum Essen. Unser Patient wurde im Bett versorgt, die anderen saßen im Speisesaal und füllten sich die leeren Mägen. Ein wenig Ruhe kehrte ein. Wir ließen uns die Ereignisse noch einmal durch den Kopf gehen. Eine Frage blieb noch immer unbeantwortet: Wie konnte unser einsamer Besucher Helsinkis den Bus verlassen haben? Ungefähr zwei Stunden später sollten wir es erfahren. Pertti brachte unseren Ausreißer wohlbehalten zurück. Sein ausführlicher Bericht folgte:
Er musste pinkeln, schlich sich aus dem Bus, ohne ein Wort zu sagen, und keiner hatte es bemerkt. Als er wieder einsteigen wollte, war der Bus abgefahren!  Aber er hatte ja die Reiseplanung mit der Telefonnummer unserer Unterkunft dabei. Er suchte sich eine Telefonzelle, doch alle Versuche blieben ergebnislos. Warum auch immer. Jetzt fühlte sich der sonst so starke 16-Jährige doch wie ein verlassenes kleines Kind. Trännen rannen ihm über die Augen. So fand ihn der Restaurantbesitzer, der - wie auch unsere Studentin - passabel Deutsch sprach. Der neu kreierte Schutzengel nahm ihn mit in sein nahegelegenes Restaurant, versorgte den jetzt arg mitgenommenen Schüler mit einer ordentlichen Mahlzeit und telefonierte zwischenzeitlich mit mir. So stand er vor uns!

ein paar Tage später ...

 

Kirche in Hyvinkää

(Kirche von Hyvinkää)

Nach den Aufregungen gab es jetzt ein paar angenehme Tage mit vielen positiven Erfahrungen, die die Schüler aus diesem herrlichen Land mitnehmen konnten. Wir besuchten die Partnerstadt Hyvinkää mit dem Eisenbahnmuseum, der modernen Kirche und wurden beim Bürgermeister empfangen. An einem Tag wollte ich den Schülern ein besonderes Erlebnis präsentieren: Wir fuhren zu den Skischanzen in Lahti und danach über den Pulkkilanharju, einer Endmoräne aus der letzten Eiszeit mit wunderbarer Aussicht über die weite Seenlandschaft des Päijänne-Seengebietes, und zurück über Kalkkinen. Diese Schotterstraße hatte ich deswegen ausgesucht, weil sie wie eine Berg- und Talbahn immer auf und ab und um enge Kurven führte. Unser Busfahrer fand große Freude an dieser "Sonderprüfung". Mit 80 km/h brauste er über die Kuppen der Straße. Die Schüler fanden das großartig. Der Höhepunkt war aber die Fahrt mit einer Binnenseefähre (wurde jetzt leider von einer Brücke abgelöst). Gerhard, unser Fahrer, trieb es jetzt sehr bunt. Er fuhr den Bus nicht in die Mitte sondern auf die Seite der Fähre, sodass diese ordentlich Schlagseite bekam. Leichtes Entsetzen war auf den Gesichtern der Passagiere zu sehen, aber es gab keine Probleme.
Am Abend zurück in unserem Quartier freuten wir uns auf ein gutes Essen und eine gemütliche Runde im Kreise der Begleitpersonen. Leider dauerte sie nicht lange. Ein Schüler breschte in unser Ferienhaus und schrie, dass eine Hütte brennen würde. Im gleichen Augenblick verschlug es uns die Sprache, die Gesichter wirkten versteinert. Natürlich dachten wir, dass dies die dritte Katastrophe während unserer Reise wäre. Sie war es! Aber sie betraf nicht unsere Gruppe. Am Nachbargrundstück des Areals stand ein älteres Holzhaus, das nach unseren Informationen nur noch als Sommerhaus genutzt wurde. Es brannte lichterloh. Funken stoben schon aus dem Dach, als wir ankamen. Ein Haus starb. Es war nicht mehr zu retten!

Unter unseren Jungs waren viele, die sich als Feuerwehrleute ausbilden ließen. Sie analysierten sofort die Situation und stellten neue Probleme fest. Nebenan standen mehrere Wohnwagen auf dem Gelände unseres Camping-Platzes. Das Feuer könnte überspringen. Kräftig, wie sie waren, zogen sie die am nächsten stehenden aus der Gefahrenzone. Als die örtliche Feuerwehr eintraf, stand nur noch der Schornstein des Sommerhauses. Auf dem Rest hätte man jetzt Würstchen braten können.

Am nächsten Morgen telefonierte ich mit meiner Frau. Als Fazit meines Anrufs stellte ich nur fest, dass bei dem nächsten Großereignis dieser oder ähnlicher Art meine Studienreise beendet wäre. Ich würde mir ein Ticket für den nächsten Flieger kaufen!

Veröffentlicht: 2011-07-12