Räucherfisch

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Finnische Männer und das Fischräuchern

Diesen Kraftort Väisälänsaari haben wir unzählige Male besucht. Ob wir gemeinsam mit Freunden den Urlaub hier verbracht hatten oder im Laufe unserer vielen Aufenthalten dort neue fanden. Schon nach dem zweiten oder dritten Besuch wurde es zur Tradition, an einem Abend gemeinsam mit Taisto, seiner Familie und unseren Nachbarn ein köstliches gemeinsames Essen im Freien zu organisieren. Dazu gehören natürlich frisch geräucherter Fisch, Salate aus Taistos und Pirjos Garten und als Nachspeise einen selbstgebackenen Kuchen mit Erdbeeren belegt und Kaffee. Übrigens trinken Finnen zu jeder Tages- und Nachtzeit Kaffee.

Taisto, dessen Schwager und unsere Nachbarn aus Dortmund hatten das Räuchern übernommen. Wir kümmerten uns um die Dekoration an unserem mökki bzw. räumten das Grillhäuschen auf, an dem gegessen werden sollte, und waren später für den Kaffee und das Geschirr zuständig.

Die drei „Fischräucherer“ hatten sich schon am späten Vormittag getroffen, um köstlichen Lachs und Muikkus (Maränen aus dem vor uns liegenden See) zuzubereiten. Später vertraute mir Urho, Taistos Schwager, ein vorzügliches Rezept an. Vor dem Räuchern schnitt er das große Filet mit einem scharfen „puukko“ (spezielles finnisches Messer, auch Finnendolch genannt) fast bis zur Haut ein und belegte die entstandenen Schnitte mit schmalen Stücken von Schimmelkäse. So wurde er gesalzen und mit Wachholderzweigen geräuchert, eine wahre Leckerei! Aber die drei Männer schienen nicht nur mit Fisch und Räucherutensilien „bewaffnet“ gewesen zu sein, sondern trugen in ihren Taschen auch „Treibstoff“ für die Arbeit zum Nachbarhaus, in dem die Dortmunder ihr Domizil gefunden hatten. So ergab es sich, dass während der Arbeit auch schon ein kleines Fläschchen Wodka und einige Biere ihr „Leben lassen mussten“. Dabei bewahrten sie die finnische Tradition der „Wochen­end­flasche“. Schnaps war nur am Freitagabend oder Samstag gestattet und die übrigen Tage wurden sie zum Milchtrinker! Entsprechend angereichert erschienen dann alle am späten Nachmittag an unserem Mökki. Taistos Frau war stinksauer wegen des Frostschutzmittels in Taistos Adern und auch Urhos Frau war nicht begeistert von der etwas lallenden Sprache ihres Mannes. Alle krochen sie mehr oder weniger aus dem Auto, wobei Taisto gefahren war, aber kaum noch gehen konnte. Auf seine Fahrtüchtigkeit angesprochen meinte er nur, dass er besser fahren als laufen könnte und das wäre sein Grundstück, wo die Polizei nichts zu suchen hätte. Deren Stützpunkte befänden sich sowieso weit weg in Mikkeli und Mäntyharju.

Der sehr reichhaltige und außerordentlich wohlschmeckende  Fisch in verschiedenen Variationen brachte unsere Nach­mit­tagsgenießer wieder einigermaßen auf die Beine. Neben dem oben genannten Lachs kredenzten sie uns noch die frisch geräucherten Muikkus, eine kleine Lachsart, sowie goldgelb geräucherte Lachsfilets ohne jegliche Zusätze. Als Beilagen kochten wir neue Kartoffeln aus Pirjos und Taistos Garten, die, wie in Finnland üblich,  gemeinsam mit frischem Roggenbrot zu den Hauptmahlzeiten serviert wurden. Ein bunter Salat rundete das Festmahl ab. Aber wie so üblich gehörten zu einem reichhaltigen Essen ein ordentliches kaltes Bier und danach ein kräftiger Schnaps. Diesmal brachten die Dortmunder eine Flasche Cognac plus eine Flasche Whiskey mit zum Essen. Hätte ich nur die Finger davon gelassen. Die finnischen Männer meinten, mich auf den gleichen Alkoholpegel hieven zu müssen und schenkten mir kräftig ein. Immer war mein Glas gefüllt. Da solche Getränke in Finnland einen besonderen Wert besitzen, dürfen sie auch keinesfalls anderweitig als durch den Schlund entsorgt werden!

Mitternacht näherte sich und Pirjo forderte alle auf, sich ihre Betten zu suchen, denn am frühen Morgen warteten die Kühe auf Milchentlastung. Aber Pirjo und Urhos Frau traten ihren Heimweg ohne die Ehemänner an. Sie schafften es gerade noch bis zum Nachbarhäuschen, wo sie den Blutalkohol mit Hilfe des chemischen Schlafes abzubauen versuchten.

Meine erholsame Nacht begann nicht sofort, denn mich trieb der Alkohol noch einmal ins Gebüsch, wo ich ihn den Blumen kredenzen musste. Ich schwor mir, dass dies die letzte Orgie mit einem solchen Ende sein sollte. Bis heute habe ich mich daran gehalten!