Sturm auf der Ostsee ...

Ein starker Sturm auf der Ostsee verhinderte die Fahrt der GTS FINNJET 1987.

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Sturm auf der Ostsee

(Foto einer sehr stürmischen Überfahrt nach Finnland im November 2009)

... eine traurige Reise!

März 1987. Ein erwarteter aber trotzdem sehr trauriger Anruf erreichte uns: Vuokkos Vater war gestorben. Eine für uns alle so wertvolle Persönlichkeit hatte sich von dieser Welt verabschiedet. Also begaben wir uns auf eine Reise, die nicht dramatischer hätte sein können. Zuerst das Treffen mit allen Verwandten zur Beerdigung und dann die Rückreise...

Wir fuhren mit der GTS FINNJET, die damals zwischen Travemünde und Helsinki verkehrte. Im noch eisigen Finnland war die Ostsee in Küstennähe zugefroren. Starke Eisschollen konnten dem mit Eisklasse 1A klassifizierten Schiff nichts anhaben. Aber unsere Ohren vertrugen die Geräusche des berstenden Eises nicht wirklich. Mit lautem Getöse schob sie immer wieder die Eisschollen beiseite. Bei der Rückreise fuhr sie langsam, sodass wir nicht zu sehr leiden mussten. Zwei Nächte verbrachten wir an Bord, weil das Schiff wegen des regelmäßigen Fahrplans eine Strecke in der Wintersaison immer mit Dieselmotoren anstatt der Gasturbinen fuhr. Wir verwöhnten uns selber ein wenig nach den traurigen Ereignissen und fuhren in einer Außenkabine am obersten Kabinen-Deck ganz vorne, Steuerbord. In Küstennähe hörten wir nur das Eis, ansonsten fuhr das Schiff ganz ruhig. Als wir aber bei Nacht aus dem finnischen Meerbusen in die freie Ostsee einbogen, änderte sich die Situation. Starker Sturm - um nicht zu sagen ein Orkan - fing an, mit dem Schiff zu spielen. Wir lagen schon im Bett, schliefen. Doch das hielt nicht lange an. Das Schiff rollte, neigte sich dramatisch zur Seite, stampfte gegen den Sturm an. Die Wellen schlugen krachend gegen den Bug, die Gischt spritzte über das oberste Deck. Seekrank wurden wir nicht, aber Angstschweiß stand mir auf der Stirn. Oberstes Deck, Außenkabine, ganz vorne: Hier traten die heftigsten Bewegungen des Schiffs auf. Ich sah das Meer durch unser Kabinenfenster trotz der Dunkelheit im Schein der Schiffsbeleuchtung immer näher kommen. Plötzlich sah ich nur den dramatisch wirkenden wolkenverhangenen Himmel. Und das dauerte ... Stunde um Stunde verging, ohne dass sich die Urgewalten beruhigten. Wir fühlten uns in einen Käfig eingesperrt und hofften nur, dass Poseidon ein Einsehen mit uns hätte! Zeitweilig saß ich am Kabinenboden. Ich konnte die Angst nicht unterdrücken. Unserer Tochter gefiel dieses Spiel. Ihr war nicht bewusst, in welcher Gefahr wir uns befanden. Wir überlebten!

Am nächsten Morgen: Vuokko hatte die Nacht nicht so gut überstanden wie Lena, unsere Tochter, und ich. Ihr Kreislauf spielte jetzt verrückt und sie wollte von einem guten Frühstück nichts wissen. Aber Lena und mir knurrte der Magen. Also torkelten wir mehr als wir gingen breitbeinig im Seemannsschritt Richtung Restaurant. Niemand war zu sehen außer dem Schiffspersonal! Wir fuhren wegen des Sturms nicht mit dem Fahrstuhl und kamen am Supermarkt vorbei. Merkwürdige Gerüche waberten uns entgegen. Die Regale waren fast leer. Alle Flaschen lagen auf dem Boden. Teure Spirituosen hatten sich aus den teilweise zersplitterten Flaschen auf den Boden ergossen. Das war ein Geruchskonglomerat! In einer Kneipe hätte es nicht "besser" riechen können. In der Parfümerie das gleiche Schauspiel - nur die Gerüche waren anders. Im Restaurant wuselten eifrige Menschen herum, die die Scherben der vergangenen Nacht beseitigten. Wir waren die einzigen Kunden!

Nach dem fürstlichen Frühstück, das Lena und mir bestens mundete, wollte ich ein wenig mehr über den Sturm wissen. Zu jener Zeit befand sich noch ein Service-Funker an Bord, der sich um die handvermittelten Telefonate und den Wetterbericht kümmerte. Auf meine Frage wegen des Sturmes der vergangenen Nacht meinte er, dass sich das Schiff zwei Stunden nicht von der Stelle bewegen konnte. Der Kapitän oder Steuermann hatte es immer nur in der richtigen Position gehalten, damit die Wellen kein Unheil anrichten konnten. Meine Frage nach der Windstärke beantwortete er mit 11-12 Bft und zeitweise ein wenig mehr - also Orkan! "Und die nächste Nacht könnte noch ein wenig unangenehmer werden. Das nächste noch stärkere Sturmtief braut sich über Dänemark zusammen", meinte er noch so nebenbei.

Für dieses aufkommende Problem musste eine Lösung gefunden werden! Bekanntlich schläft man auf Bier besonders gut, dachte ich mir.  Also mussten es ein paar an diesem Abend sein. Bei den finnischen Preisen kein billiges Vergnügen! Danach schliefen wir wie die Murmeltiere. Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass die zweite Nacht sehr ruhig gewesen sei! Der Funker, daraufhin angesprochen, meinte nur, dass das Sturmtief nach Norden abgedreht habe und die Nacht deswegen weniger Probleme bereitete.

Und wer übernimmt jetzt meine Rechnung?