Über Sassnitz nach Finnland 1973

Meine erste Finnlandreise transit DDR nach Finnland 1973.

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.. oder wie man mit Schnaps einen Umzug organisiert.

Hochzeit in Lievestuore

unser "Otto" zur Hochzeit 1972

März 1973. Vuokko und ich hatten im Sommer 1972 geheiratet. Uns beiden standen die Examina in Finnland und in Deutschland bevor - und Vuokkos Umzug! Da ich seit einem halben Jahr einen uralten VW Käfer mit unendlich vielen Kilometern am Tacho (und zusätzlichen anderen Problemen ...) besaß, plante ich eine neue kostengünstige Route gen Norden, um Teppiche, Bettwäsche, Kleidung, etc. nach Deutschland zu holen. Ich fand heraus, dass trotz des Zwangsumtauschs von DM 5.- an der Grenze zur DDR die Tour über Lübeck-Schlutup-Rostock-Sassnitz-Trelleborg-Nortälje-Turku die kostengünstigste war. Aber auch 1.800 Straßenkilometer und die Grenzkontrollen in der DDR mussten bewältigt werden. Kabinen konnte ich mir auf den Schiffen keine leisten. Da mussten die Bänke oder Pullman-Sessel ausreichen.

Für 14 Tage wurden die Koffer gepackt. In Finnland erwartete mich noch Winter. In Mittelschweden auch? Also musste ich bei den Zeitplanungen für die Straßen auch daran denken. Die Fähren würden nicht auf mich warten! Je näher der Abfahrtstermin kam, um so aufgeregter wurde ich. Tickets ok? Reisepass gültig? Schwedenkronen und Finnmark getauscht? Alle Vorbereitungen schienen bestens getroffen zu sein.

Am Abfahrtstag fuhr ich mit einem ordentlichen Lunch-Paket vormittags los. Mein Otto (so hatte ich meinen roten Käfer getauft) war ja nicht der schnellste und ab Lübeck musste ich komplett über die Landstraße bis Sassnitz fahren. Also war es sinnvoll, genügend Zeit einzuplanen, um die Nachtfähre nach Trelleborg zu erreichen. Ich konnte kaum einschätzen, wie lange ich für diese etwa 250 km lange Strecke in der DDR benötigen würde. Die Dauer der Grenzkontrollen war die große Unbekannte!

Transit DDR
Lübeck war am frühen Nachmittag erreicht. Jetzt begann das große Transit-Erlebnis DDR. Grimmig aussehende Beamte und Zöllner (Kontrolle 1 und 2) erwarteten mich. Mein Otto wurde komplett gefilzt. Spiegel wurden unter das Auto gerollt. Wenn ich mich recht erinnere, musste ich auch durch ein Desinfektionsbad fahren, das die "Einfuhr" der Maul- und Klauenseuche verhindern sollte. Eine halbe Stunde dauerte die komplette Prozedur! Ich fühlte mich unter Zeitdruck. Kaum hatte ich diese Sperre überwunden, erwartete mich die nächste: die 5-km-Sperrzone. Wieder ein Schlagbaum, wieder ein Grenzpolizist, argwöhnisch blickend. Wirklich unheimlich! Diesmal dauerte die Passkontrolle aber nur ein paar Minuten (Kontrolle Nr. 3). Weiterfahrt Richtung Rostock. Im Nachhinein schätze ich meine Durchschnittsgeschwindigkeit auf 60 km/h. Die vielen Ortschaften, Lkws und Traktoren bremsten mich sehr aus. Plötzlich wieder die Kelle eines Polizisten am Straßenrand (Kontrolle Nr. 4!). "Pusten se mal!" Alkoholkontrolle. Da ich außer alkoholfreien Getränken nichts zu mir genommen hatte, war das kein Problem. Aber wieder Zeit verloren! Wegen der vielen Verzögerungen war ich glücklich, den Rügendamm am frühen Abend erreicht zu haben. Dunkelheit umgab mich. Die 6V-Lampen meines Otto halfen jetzt auch nicht viel. Nach kurzer Fahrstrecke wurde die Straße von großen Straßenlampen taghell erleuchtet. Wieder versperrte mir ein Schlagbaum die Weiterfahrt. Die fünfte Kontrolle zeigte mir, dass ich nur noch 5 km von Sassnitz entfernt sein konnte. Über Kopfsteinpflaster erreichte ich die Kontrollstelle am Hafen. Wieder musste ich zwei Kontrollen über mich ergehen lassen (die 6. und 7.!). Aber ich hatte mein Ziel erreicht. Durchgefroren war ich trotz ordentlicher Winterkleidung, da mein alter Otto nur ein kleines warmes Lüftchen aus seiner Heizung blies. Hier konnte ich mich aufwärmen und eine Kleinigkeit essen: Bockwurst mit Brötchen und Senf und einen ordentlichen Bohnenkaffee. Sogar einen zollfreien Laden gab es hier. Also wurden die Rauchvorräte aufgefüllt.
Rechtzeitig vor Abfahrt der Fähre, die ich schon unterhalb der Kontrollstelle im Hafen liegen sah, begab ich mich wieder zu meinem Otto. Nur wenige Autos warteten. Dafür wurden aber Güterwagen auf die Fähre geschoben. Kurz vor Mitternacht durften wir ebenfalls an Bord. Jetzt musste ich mir nur noch einen geeigneten Schlafplatz für die nächsten knapp vier Stunden suchen. Ein Pullman-Sessel musste mir genügen. Ich kuschelte mich in meine Felljacke und versuchte, mich zu entspannen. Vergeblich. Ich dusselte nur so vor mich hin. Die knapp vierstündige Fahrt reichte nicht zum Schlafen. Zur Ausfahrt musste ich rechtzeitig im Auto sitzen. Gegen vier Uhr erreichten wir Trelleborg. Die Hälfte meiner Tour war geschafft. Aber mich drückte die Müdigkeit und Otto verlangte nach Sprit. Auf der Fahrt Richtung Helsingborg gab es einige Tankstellen, alle mit der Reklame für 24 Stunden Service. Doch die Tankversuche schlugen fehl - alles Automaten. Meine Fähigkeit, die Sprachprobleme zu überwinden, war zu gering. Also ausruhen und warten bis der reguläre Betrieb begann. Ich krümmte mich auf der Rücksitzbank zusammen und versuchte doch etwas zu schlafen. Irgendwie muss das auch geklappt haben, denn nach ein paar Stunden wachte ich frierend und mit verknoteten Gelenken auf. Sieben Uhr! Vielleicht hat das Rasthaus jetzt geöffnet? Kaffee wäre gut. Ich rückte meine Knochen zurecht und sah Licht. Otto bekam seinen Sprit und ich ein ordentliches Sandwich mit frischem Kaffee. Gestärkt konnte die Fahrt nach Stockholm und Nortälje beginnen. Heute besteht die Strecke fast nur aus Autobahn, damals aber mussten noch viele Ortschaften und Städte durchfahren werden. Aber ich hatte genügend Zeit. Ich erreichte Stockholm am späten Nachmittag. Hier gibt es immer Probleme wegen der unzureichenden Straßenbeschilderung. Wie oft habe ich mich auch später noch verfahren. Bis ich einen Trick gefunden habe: immer geradeaus, bis eine Änderung angezeigt wird (Sollte man das nicht sowieso einhalten?)! 

In Nortälje im Hafen angekommen stellte ich mich in die Reihe der wartenden Fahrzeuge. Meine müden Augen erspähten ein anderes deutsches Fahrzeug mit drei etwa Gleichaltrigen. Irgendwann kamen wir ins Gespräch. Sie hatten Hochprozentiges im Auto - sehr viel, zu viel für den finnischen Zoll. Bei dieser Menge hätte es größere Probleme gegeben. Was tun? Die einzige Lösung, die mir aber gar nicht gut bekam, war, einen Teil davon am Schiff zu vernichten. Wir spielten Skat, tranken und spielten weiter Skat, bis wir meinten, dass es genug sei. Kabinenplatz hatte ich keinen. Also nahm ich meine Autoapotheke (gepolstertes Kissen) und legte mich mit meiner Felljacke unter einen Tisch in der Caféteria. Ich schlief aufgrund des Alkohols auch sofort ein. Irgendwann am frühen Morgen wurde ich unsanft geweckt. Zwei Polizisten standen vor mir! Das war damals so üblich... Das Auge des Gesetzes wachte über prügelnde betrunkene Finnen oder unter dem Tisch schlafende Deutsche! Mir drehte sich der Magen um, als ich an Frühstück dachte. Erst einmal Zähne putzen, dann sehen wir weiter. Nach getaner doch recht spärlicher Morgentoilette (Was hätte jetzt eine Sauna gutgetan!!), schwang ich mich nach der Ankunft in Turku (oder war es Naantali?) in meinen Otto und wartete auf die Ausfahrt. 15 Zentimeter Neuschnee, um 0°C!! Grausam! Und mein Kopf!!! Der Tag wird es schon richten; denn in Savonlinna wartete Vuokko, wo sie in Kürze ihr Examen als Dolmetscherin/Übersetzerin ablegen wollte. Noch einmal fast 600 km! Irgendwie musste es zu schaffen sein. Also los.

Nach einigen Kilometern dachte ich mir, dass der Magen etwas zu tun haben müsste. Also das nächste Baari suchen. Ich holte mir ein Sandwich, ein großes Glas Milch und einen Kaffee. Anfangs schmeckte alles nach Blutwurst mit Sägemehl, aber dann begannen sich meine Geschmacks- und Magennerven zu beruhigen. Der Kaffee erledigte den Rest und Otto konnte wieder arbeiten. Ich kam zum Auto zurück, schloss auf, stieg ein und meine Füße schwammen im Wasser. Das war die Krankheit meines Otto. Er war inkontinent. Leider befanden sich an nicht auffindbaren Stellen kleine Rostschäden im Unterbau, die bei nasser Straße Wasser durchließen. Bei 15 cm Neuschnee und Matsch auf der Straße war das kein Wunder. Also musste ich mit dem Putzlappen, den ich immer bei mir hatte, das Wasser nach draußen befördern - und das alle 100 km.

Ich erreichte Savonlinna am frühen Abend, fand noch einen geöffneten kukkakioski (Blumenkiosk), kaufte meiner Liebsten drei langstielige Rosen für umgerechnet DM 15.- (!) und fuhr zu ihr. Was für eine Begrüßung: Ich überreichte ihr die Rosen, wir umarmten uns und ich fiel kurze Zeit danach ins Bett und .... schlief!

veröffentlicht 2011-06-21