und wieder Probleme

Schülerstudienreise nach Finnland

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Erich fällt aus! (Anm.: Name geändert)

Nuuksio

(Nuuksio-Nationalpark 2004)

Als landes- und sprachkundiger Spezialist für Finnland wurde mir Anfang der 90-iger Jahre wieder einmal die Organisation einer Fahrt übertragen. Mein Kollege Erich, der schon bei meiner zweiten Schülerreise mit mir Hyvinkää besucht hatte, und seine Frau baten mich, die Planung anzugehen. Diesmal würde Ludwig unser Fahrer sein. Er war mein treuester Begleiter in den vielen Jahren, in denen ich solche Reisen organisiert habe. Seine Coolness sollte sich bei dieser Tour besonders auszahlen! Ich würde sie dringend benötigen...

Kurz bevor die Reise beginnen sollte, kam die Schreckensmeldung: Erichs Frau war schwer erkrankt. Natürlich musste er sich jetzt um sie und ihre Gesundheit kümmern - keine Frage! Die Reise ausfallen zu lassen, wäre aber ein finanzielles Desaster geworden. Eine Andere Lösung musste gefunden werden. Eine Kollegin sprang ein, aber wir beide kannten die Gruppe kaum. Ein großes Problem, wenn schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen.

Mit diesen wenig verheißungsvollen Voraussetzungen starteten wir die Studienreise zusammen mit Ludwig. Er versuchte die Stimmung mit seinen nordfriesischen Sprüchen aufzulockern. Es gelang. Mit der GTS FINNJET begaben wir uns auch dieses Mal wieder auf Tour. Helsinki wir kommen!

Fisch-Markt in Helsinki Regierungsgebäude in Helsinki

(Fischmarkt Helsinki 2010  -  Regierungsgebäude am Markt 2008)

Havis Amanda

(Havis-Amanda-Brunnen 2003)

Die Stadt begrüßte uns wieder einmal mit Sonnenschein. Der blaue Himmel, der weiße Dom und die neoklassizistischen Regierungsgebäude hießen uns willkommen. Üblicherweise beginnen wir unsere Stadtführung mit einem Bummel über den Markt. Ludwig zog es zu einem Stand mit "liekkilohi", am offenen Feuer gegrilltem Lachs. Wir hatten uns doch gerade erst am Frühstücksbüffet der FINNJET gestärkt! Aber das war Ludwig. 125 lebende Kilos mussten ernährt werden. Doch gerade in dem Augenblick, als Ludwig seinen Lachs verspeiste, hörte ich an allen Ecken des Markts Sirenen. Vom Wasser ein Boot der Wasserschutzpolizei, aus der Esplanade ein Polizeifahrzeug und aus gleicher Richtung die Feuerwehr. In der Nähe des Havis-Amanda-Brunnens sammelten sich Menschen. Neugierig, wie Ludwig und ich waren, gingen wir näher. Doch die Menschenmassen verhinderten den Durchblick auf das Geschehen. Bis sich eine Lücke auftat und wir den Kanthaken eines Wasserschutzpolizisten ins Wasser tauchen sahen. Mit einer Leiche im Blaumann kam er wieder heraus und zog sie ins Boot. Mir wurde schlecht und Ludwig aß genüsslich weiter. Was für eine Begrüßung in Helsinki! Ich brauchte am frühen Morgen einen Schnaps. Ich bekam ihn im Bus. Ludwig hatte immer seine Vorräte für widrige Ereignisse.

Wir hatten uns von dem Schrecken erholt und führten die Stadtrundfahrt zu Ende. Am Nachmittag zog es uns Richtung Hyvinkää und in unser Lager. Die Stadtverwaltung hatte uns ein mir unbekanntes spendiert. Sääksi lag genüber von Haukilampi am gleichen See. Das hörte sich vielversprechend an. Die Seelage bedeutete Strandsauna, Möglichkeiten zum Baden und vielleicht schöne Sonnenuntergänge, die keine wirkliche Bedeutung besitzen, weil Ende Mai / Anfang Juni in Finnland auch in der Nacht die Zeitung ohne künstliche Beleuchtung gelesen werden kann.

See in Mittelfinnland

(am See in Mittelfinnland, ca. 22 Uhr)

Ein leider schon verstorbener finnischer Freund führt uns zum Camp, wunderschön oberhalb des Sees gelegen. Es schien nicht so komfortabel zu sein wie Haukilampi und erinnerte mich an das typisch finnische Ferienhausmilieu. Bei näherem Betrachten bemerkten wir aber das Chaos. In den Schlafräumen, jeweils einer für Mädchen und Jungen, standen Betten für Grundschulkinder! Was sollten unsere Jugendlichen damit anfangen? Wir Lehrer und mein finnischer Freund begaben uns sofort in das Zentralgebäude mit Aufenthalts- und Speiseraum. Dort fanden wir die Frauen, die für die Organisation des Essens zuständig waren. Wir erfuhren, dass es aber eine Bettenlieferung für Erwachsene gegeben haben sollte. Wir durchsuchten die Räume und fanden Matratzen, noch in Folie eingepackt in der Ecke liegen. Wir erlebten einen phantastischen Gruppenzusammenhalt: Die Jungens wuchteten die Betten auf die Terrasse vor dem Schlafgebäude, die Mädchen bugsierten die Matratzen an die richtigen Stellen - auf dem Boden. Geschafft! Wir hatten uns das Essen verdient, nur mein Freund war ob der Schlampigkeit der Stadt stinksauer! Wir fanden das eher lustig.

Am nächsten Tag wurde die Sauna geheizt. Kaum einer der Schüler war je in der Schwitzkammer. Natürlich hatten wir die Geschichte des Saunabesuchs von Siegfried Lenz gemeinsam gelesen und hatten uns dabei köstlich amüsiert, als er sich mit einer aufplatzenden Wurst verglich. Natürlich hatte ich vor dem ungestümen Sprung in den See gewarnt. Aber...

Birkenquast für die Sauna

(vasta)

Ich bot einen Vasta-Kurs (Strauß aus Birkenzweigen, um sich in der Sauna damit zu "prügeln") an und wir genossen das Bad - Männlein und Weiblein getrennt, so wie es sich gehört. Wir gaben den Mädchen den Vortritt. Die Jungens folgten zu vorgerückter Stunde danach. Sie genossen es. Sie genossen es so sehr, dass sie wie junge Fohlen aus der Sauna sprangen und direkt in den doch noch kalten See liefen. Von drinnen hörte ich nur einen lauten Schrei. Nackt wie ich war, sprang ich ebenfalls nach draußen und sah einen der Jungen, kreidebleich mit blutendem Fuß. Keiner hatte auf den Grund des Sees geschaut, sonst hätten sie einen fast komplett im Seegrund vergrabenen Stein mit einer messerscharfen Spitze sehen müssen. In dem sehr sauberen Wasser zeichnete er sich deutlich ab. Schon wieder ein Problem! Die etwa zwei bis drei Zentimeter lange Schnittwunde zwischen zwei Zehen musste ärztlich versorgt werden. Im Quartier der Begleitpersonen befand sich ein Telefon. Ich hatte die Nummer einer Kollegin aus Hyvinkää in meinen Unterlagen. Sie war zu Hause. Mit ihrem Mann fuhr sie uns entgegen und lotste uns vom Stadtrand Hyvinkääs zur Klinik. In der Notaufnahme wurde unser Patient versorgt. Wie meinen eigenen Sohn nahm ich ihn in den Arm, um ihn von dem Geschehen an seinem Fuß abzulenken. Wir sprachen miteinander, hofften gemeinsam, dass es schon nicht so schlimm sein würde und er an dem geplanten Programm weiterhin teilnehmen könnte. Nach etwa 20 Minuten erhielt ich von der behandelnden Ärztin den Hinweis, dass sie fertig wäre. Unser Unglücksrabe wunderte sich. Er hatte weder die Spritze noch die drei Stich gespürt, als die Ärztin die Wunde verschlossen hatte. Mit dem Hinweis, den Fuß nicht zu sehr anzustrengen, verabschiedete sie uns und gab uns noch eine Wundsalbe zur täglichen Versorgung mit auf den Weg.

Es blieb der letzte Problemfall während dieser Reise - drei sollten genug sein! Das restliche Programm verlief ohne besondere Vorkommnisse, außer, dass wir zu einem regionalen Radiosender zu einem Interview eingeladen wurden. Zwei Schüler und ich besuchten ihn und wurden intensiv zu unserem Aufenthalt befragt. Wir hatten einige Geschichten zu erzählen, auch unserem daheimgebliebenen Kollegen, der sich über alle Maße für unseren Einsatz bei dieser Studienreise bedankte.

Veröffentlicht 2011-07-15