Weihnachtsmärchen

Buchprojekte von Peter Claus, Ludwigsau. Zusätzlich kann hier jeder registrierte Teilnehmer Finnlandgeschichten und Fotos bis 250 KB nach Freischaltung veröffentlichen.

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Weihnachten in finnisch Sibirien

Es gibt nichts Schöneres, als Weihnachten in der Romantik der finnischen Winterlandschaft zu feiern. Knackige Kälte und Unmengen von Schnee bedeuten für die graue Depressivlandschaften gewohnten Flachlanddeutschen einfach eine Idylle. Das galt auch für mich. So planten wir unser Weihnachtsmärchen im finnischen einsamen Winterwald bei den Eltern meiner Frau: mit den Kindern einen Weihnachtsbaum im eigenen Wald suchen, danach gemeinsam schmücken, die tollen Essensdüfte der Leckereien in sich aufnehmen und auf den Weihnachtsmann warten. So oder so ähnlich beginnen romantisch verklärte Märchen. Unseres zeigte uns aber auch die anderen Seiten des finnischen Winters. Wir erlebten zwar nicht die verhinderte Fahrt der GTS FINNJET, weil sie wegen eines deftigen Wintersturms einen meterdicken Eispanzer trug, aber auch „nur“ niedrige Temperaturen konnten mich ins Schwitzen bringen.

Wir fuhren mit einem alten Mercedes 280 S (kein Einspritzmotor, was die Sache noch verschlimmerte!). Selbst in Deutschland zeigte das Thermometer am Abfahrtstag tiefe Minusgrade. Die Autobahnfahrt zwischen Hamburg und Lübeck wurde zur reinen Schlitterpartie. Tagsüber taute die Straße auf, gegen Abend bei weniger als -10° half auch das gestreute Salz nichts mehr: Schwarzes Eis, wie man in Finnland zu sagen pflegte, bildete sich. Die LKWs begannen mich zu überholen … Aber wir erreichten das weihnachtlich geschmückte Schiff rechtzeitig.

Weihnachten in Finnland

(Zufahrt zum Haus der Schwiegereltern)

Bei minus 18° kamen wir am übernächsten Morgen in Helsinki an. Die Fahrt nach Mittelfinnland erwies sich als wenig problematisch. Auf der zwar teilweise vereisten und schneebedeckten Straße fuhr es sich fast wie auf Sand. Der Schnee war stumpf. Wir erreichten die Nebenstraßen, die uns in das weihnachtsmärchenhafte Waldfinnland führten. Schneeberge türmten sich an den Straßenrändern, die Fichten und Kiefern bogen sich unter dem winterlichen Weiß. Die Vorfreude der Kinder auf Weihnachten bei den Großeltern wuchs, je näher wir ihnen kamen. Wir erreichten die letzte Abzweigung und der Bauernhof meiner Schwiegereltern lag auf einer Anhöhe vor uns. Nehmen wir den direkten aber steileren Weg zum Hof? Ich wagte es. Mein Versuch scheiterte auf halber Höhe. Ich rutschte mit dem Wagen direkt an den meterhohen Schneewall an der linken Wegseite. Ich war eingesperrt, konnte die Fahrertür nicht mehr öffnen. Winkend und mit einer überdimensionalen Schneeschaufel kam uns mein Schwiegervater entgegen. Wir stiegen alle auf der Beifahrerseite aus und liefen ihm entgegen. Es blieb bei einer kurzen Begrüßung meinerseits, ich durfte arbeiten! Felljacke anziehen, Handschuhe und Mütze dazu. Meine Winterstiefel hatte ich wohlweislich schon am Schiff angezogen. Zuerst die Fahrertür freischaufeln, dann rückwärts den steilen Weg zurück. Ich versuchte es jetzt auf dem weniger steilen kleinen Umweg. Und siehe da, die warnenden Worte meiner lieben Frau bewahrheiteten sich. Ich erreichte ob der schweren Last im Kofferraum den Eingang am Haus problemlos über den längeren Weg. Angekommen! Bevor ich mich aber der ersten weihnachtlichen Stimmung hingeben konnte, musste das Auto ausgeräumt werden. Jetzt wurde unser Auto für die nächsten Tage abgestellt. Lasst uns Weihnachten feiern! Es war der 23. Dezember. Das Thermometer fiel in der Nacht auf -30°! Die Heizung wurde ordentlich aufgedreht und die Sauna befeuert. So konnten wir in wohliger Umgebung den Heiligen Abend besprechen.

Am nächsten Morgen, nachdem es gegen 10 Uhr dämmerte, stiefelten wir mit Säge und Axt bewaffnet in Schwiegerelterns Winterwald und fahndeten nach einem passenden Weihnachtsbaum. Die Sonne stand tief und tauchte die Schneelandschaft in ein bizarres Licht. Traumhaft! Nach erfolgreicher Suche stapften wir durch die kalte aber in tiefgelbes Sonnenlicht getauchte Wintermärchenlandschaft zum Haus zurück. Am Hof wurde die Fichte vom restlichen Schnee befreit und zum Schmücken ins Wohnzimmer gebracht. Die Kinder freuten sich schon darauf.

Winterwald

(Wintersonnentraumlandschaft)

Nach getaner Arbeit wartete der mittägliche Reisbrei auf uns. Wer wird das Glück der versteckten Mandel haben? Marko fand sie in seiner Riesenportion. Wir lauschten der Weihnachtsmusik im Radio und gleichzeitig kümmerten wir uns um das weihnachtliche Festmahl. Verschiedene Aufläufe wurden gebacken, am Abend vorher schon schmorte der karelische Braten, jetzt wurde noch das Huhn in den Ofen geschoben. Wunderbare Düfte waberten durch die Wohnung, die uns das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.

Am späten Nachmittag heizte ich die Sauna wieder. Die finnische Tradition musste erhalten bleiben. In lockerer Freizeitkleidung setzten wir uns danach an den festlich gedeckten Tisch und labten uns an gebeiztem Lachs, den Braten und Aufläufen. Natürlich war das Essen auch für unsere Kinder besonders wichtig, doch die Gaben des Weihnachtsmannes (finnisch joulupukki) erwiesen sich als noch einen Tick wichtiger. Wir genossen die Kinder, in voller Erwartung auf die Geschenke, die sie bekommen würden.

So verging auch dieser mit viel Spannung herbeigesehnte Abend und dick eingepackt kuschelten wir uns in die Betten. In der Nacht knallte es im Wald. Wir hörten es mehrere Male. Am nächsten Morgen wussten wir warum: Das Thermometer zeigte -35°! Die Bäume explodierten ob der niedrigen Temperaturen. Wie wird es unserem Auto ergehen? Ich wollte noch nicht darüber nachdenken, aber ich musste. Wir planten, am Tapaninpäivä, so wird der zweite Weihnachtstag in Finnland genannt, Vuokkos Verwandten einen Besuch abzustatten. Das Auto musste also anspringen. Bei finnischen Autos ist das kein Problem. Sie besitzen eine elektrische Motorheizung, die aber mein alter Benz nicht hatte. Das bedeutete Improvisation. Ich packte mich dick ein, baute den Akku aus und stellte ihn im Wohnzimmer neben die Heizung in der Hoffnung, dass dies ausreichen würde. Schon am nächsten Morgen versuchte ich mein Glück: schnell einbauen und starten. Nur ein widerwilliges Drehen des tiefgekühlten Aggregats war zu vernehmen, aber keine Zündung. Was jetzt? Zündkerzen ausbauen, dicke Decken über die Motorhaube und einen elektrischen Heizlüfter darunter. Ich ließ ihn mehrere Stunden arbeiten, in denen ich den Akku wieder in die Wärme brachte. Danach ein erneuter Versuch: Zündkerzen auf die heiße Herdplatte, Akku einbauen, Zündkerzen einschrauben, Kerzenstecker aufstecken. Bei einem zerbrach wegen der niedrigen Temperaturen sofort die Kunststoffabdeckung wie dünnes Glas. Es musste ohne sie funktionieren. Und es gelang. Nach mehrmaligem Drehen zündeten zuerst drei Zylinder, danach Nummer vier und mit kurzer Verzögerung nahmen auch die letzten zwei ihren Dienst auf. So ließ ich ihn warmlaufen. Wir konnten starten. Diese Prozedur wiederholte sich bei jedem Startvorgang meines Mercedes mit Automatikgetriebe.

Minus 38° zeigte das Thermometer am Abfahrtstag. Ich bereute die Entscheidung, auf der Heimreise noch eine Zwischenübernachtung in Helsinki bei Vuokkos Verwandten einzulegen. Wenn der Motor lief, gab es keine Probleme. Aber hatte er sich erst einmal den Außentemperaturen genähert, gab es immer wieder die gleichen Schwierigkeiten: Er sprang trotz der vielen Vorwärmbemühungen nur mit größtem Widerwillen an. So auch am Abfahrtstag in Helsinki. Er wollte seine Arbeit einfach nicht aufnehmen. Ich wärmte den Akku an der Heizung auf, baute den Luftfilter ab und schaute nach, ob er vereist war. Keine Reaktion des Motors. Ein Finne hatte mich beobachtet und brachte mir sein Wundermittel. Er sprühte es in den Vergaser, ich sollte starten, folgte seinen Anweisungen, und im gleichen Augenblick schossen ihm Flammen aus dem Vergaser entgegen. Aber der Motor lief!! So fuhren wir Richtung Katajanokka, dem Hafen, von dem wir in Helsinki die Heimreise antreten wollten. Die Strecke führte über die stark vereiste Mannerheim-Straße. An einer Ampel musste ich abbremsen und rutschte mit dem linken Vorderreifen in eine Kuhle aus Eis, die sich durch den Verkehr dort gebildet hatte. Nach dem neuerlichen Start fühlte sich das Auto so seltsam an. Der linke Vorderreifen hüpfte bei jeder kleinen Unebenheit. Stoßdämpfer, dachte ich. Er war der Leidtragende dieser arktischen Finnlandreise. Die Eiseskälte war ihm nicht gut bekommen. Das bedeutete: Die Heimreise über die deutsche Autobahn wurde zur Schleichfahrt. 80 km/h waren das Maximum, das ich meinem Auto zutraute.

Es war die letzte Fahrt zu Weihnachten nach Finnland mit diesem Auto. Die nächsten Weihnachtsmärchen organisierte ich mit einem ordentlichen Fahrzeug, das entsprechend vorbereitet wurde. Abwechslungsreich waren sie ja, diese Weihnachten 1981.

Veröffentlicht: 2011-08-26