Zwei Büchsen Bier zu viel

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Zwei Büchsen Bier zu viel

Bevor Finnland der EU beigetreten war, herrschten harte Einfuhrbedingungen für Alkoholika: Zwei Liter Bier und einen Liter Hochprozentiges durfte jeder Erwachsene als „Reiseproviant“ mit sich führen. Nach dem 01.05.2004 wurden die Bedingungen gelockert, doch diese Fahrt fand wohl Ende der 70-iger Jahre statt. Als stolze Besitzer eines Uralt-Mercedes begaben wir uns auf die Reise via Schweden.

An den deren Grenzen interessierte sich niemand für unseren Kofferraum, weil wir ja nach Finnland fahren wollten. Am Abend erreichten wir zusammen mit unserem Sohn eine Fähre der Silja Line in Stockholm und erwarteten mit großem Appetit das Büffet, das wir uns bei jeder Überfahrt nach Helsinki gönnten. Wie üblich begaben wir uns direkt, nachdem wir unsere Kabine gefunden hatten, zum Restaurant. Hier hieß es wie immer: Anstehen für eine Platzreservierung. Die Schlange war sicher schon mehrere Dutzend Menschen lang, als wir den Eingangstresen erreichten. Also war Warten angesagt, um den begehrten Zettel mit der Tischmarkierung als Reservierung zu erhalten. Nach finnischem Ritual folgt das Vergnügen erst nach der Pflichtübung!

Mit dem obligatorischen Kribbeln im Bauch, bald Finnland zu erreichen, genehmigten wir ihm auch das fantastische Essen in der richtigen Reihenfolge: als Vorspeisen verschiedene Sorten eingelegten Herings, Kaviar vom Lachs, Salate. Der zweite Gang führte uns fast immer zu gebackenem Fisch und danach zu diversen Fleischsorten. Am liebsten gönnte ich mir Elch- oder Rentierbraten, falls sie angeboten wurden. Nachtisch musste dann auch noch sein, aber der bedeutete dann schon zu viel des Guten. Weil Bier und Schnaps am Schiff zollfrei angeboten wurden (sicher waren beide günstiger als im Land, doch weitaus teurer als in Deutschland!), gehörte ein doppelter Wodka als zweiter Nachtisch für uns immer dazu – genauso wie das Bier zum Essen. Apropos Bier: Mit etwas mulmigem Gefühl dachte ich an die am nächsten Morgen folgende Zollkontrolle, denn ein paar Büchsen Bier hatte ich zu viel im Kofferraum versteckt. Ich schob die Bedenken beiseite und wir genossen die Fahrt durch die Schären vor Stockholm von einem direkt am Fenster stehenden Tisch. Der wie immer herrliche Beginn eines sicher wunderbaren Finnlandaufenthaltes!

Südhafen in Helsinki 2008

 

Da wir in Helsinki immer erst am mittleren Vormittag einfuhren, konnten wir uns nach dem sicher überflüssigen aber doch genauso leckeren Frühstücksbüffet noch an der engen Hafeneinfahrt in Helsinki bei strahlendem Sonnenschein erfreuen. Jetzt mussten wir uns aber sputen, denn wir wollten keinem Fahrzeug am Parkdeck die Ausfahrt versperren, wie wir es selbst schon mehrere Male erlebt hatten, weil die Besitzer zu spät aus ihren Kojen zum Fahrzeug gefunden hatten. Mit dem Gestank der schon gestarteten Motoren warteten wir auf unsere Ausfahrt am Südhafen. Endlich, wir wurden heraus gewunken und fuhren über die Rampe auf den Kai, wo uns die Pass- und Zollabfertigung erwarteten. Unsere Ausweise lagen auf der Mittelkonsole bereit, wir reichten sie durchs Fenster und nach kurzem Blick auf unsere Passbilder und in unsere Gesichter schien alles ok zu sein. Wir fuhren weiter bis zur Zollkontrolle, wo uns ein etwas grimmig aussehender Beamter schon von weitem intensiv musterte. Irgendwie müssen wir ihm außergewöhnlich vorgekommen sein, denn nicht wie üblich reichte ein Blick in unseren Innenraum mit einem Ehepaar und einem Sohn um uns durchzuwinken. Wir wurden aufgefordert in die Katakomben am Hafen zu fahren, wo vor uns schon mehrere andere PKWs standen und viele Kontrolleure die Autos inspizierten. Jetzt haben wir den Salat: sicher das unangenehme Ende einer ansonsten fantastischen Überfahrt! So sollte es werden. Ein sehr höflicher Beamter aber doch mit strengem Blick ausgestattet trat neben unser Auto und bat uns auf Englisch auszusteigen. Vuokko fragte ihn auf Finnisch nach dem Grund. Das half sicher, aber leider zu wenig. Also verließen wir unseren alten Benz und weitere Beamte kamen auf unser Auto mit Werkzeug und einem Hund zugelaufen. Sahen wir vielleicht wie Drogen­schmugg­ler aus? Als erstes musste der Kofferraum geöffnet werden. Der komplette Inhalt wurde herausgenommen und genauestens inspiziert. Dabei fiel ihnen natürlich auch die Palette mit Büchsenbier auf. Es wurde gezählt und sah ich dann vielleicht ein hämisches Lächeln im Gesicht des Zollbeamten? Knapp gab er von sich:“Kaksi purkkia liikaa.” (Zwei Büchsen zu viel). Jetzt begann die Untersuchung erst spannend zu werden. Alle Radkappen wurden entfernt, die Motorhaube musste ich öffnen und der Hund schnüffelte im Innenraum herum. Das Ergebnis musste natürlich negativ sein, denn Drogen hatten wir keine an Bord. Aber als zum Schluss alle Reiseutensilien wieder im Auto verstaut waren und ich schweiß­nass gebadet etwas belämmert neben unserem Auto stand, wurde mir die Rechnung präsentiert. Auf Schmuggel standen Zoll und Strafe. Jede Büchse Bier kostete mich im Endefekt DM 5.-! Gerne hätte ich ihm die zwei überzähligen Dosen ge­schenkt, aber auf diesen Handel ließ er sich nicht ein. Auch wenn ich sie ihm überlassen hätte, wären Zoll und Strafe fällig gewesen. Was ein Urlaubsbeginn!